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Grundsätze

Die Möglichkeit eines schnellen Einblicks in die Grundsätze der Unitarischen Freien Religionsgemeinde ist am besten durch die Besprechung des "Gelöbnisses" gegeben, das die Konfirmanden sprechen, bevor sie als selbständige Mitglieder in die Unitarische Freie Religionsgemeinde aufgenommen werden.

Im Folgenden werden die vier Sätze des Gelöbnisses nähergebracht:

"In Ehrfurcht vor Gott, dem Ewigen und Unerforschlichen, will ich Achtung hegen vor der Würde des Menschen und allem Leben."

In diesem Satz ist alles gesagt, was für das religiöse Bedürfnis der Menschen, nicht nur unserer Zeit, wesentlich ist. Dieser Satz umfaßt einen hohen und doch einfachen Gottesbegriff, ein damit verbundenes Bild vom Menschen, der vom großen Begriff der Ehrfurcht erfüllt sein kann und soll, und ein Bild von der Natur, der gegenüber der Mensch genausoviel Ehrfurcht hegen soll wie vor allem Hohen, das ihn bewegt. Alles was wesentlich ist, ist in diesem einen Satz gesagt. Er ist theologisch, er ist ethisch und, modern gesprochen, von einem religiösen Umweltbewußtsein geprägt. Dieser Satz ist selbst umfassender als die Zehn Gebote, weil darin mehr, und weil darin weniger steht als in ihnen. Und er ist moderner, weil die Ehrfurcht vor allem Leben Teil des Gottesbegriffes ist.

Was nützen alle Ge- und Verbote, wenn der Mensch nicht in der Idee der Ehrfurcht erzogen wurde und sich in ihr entwickelt hat? Es gehört indessen der Geschichte der Unitarischen Freien Religion an, in der Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff sich gebildet zu haben.

Wenn ich mich dem zweiten Satz unseres Gelöbnisses zuwende

"Ich will danach streben, mich selbst zu erkennen, selbst zu beherrschen und mein Wesen zu entfalten."

so erhalten wir eine Kurzfassung eines antiken Erkenntnisbegriffs, der auf eine zeitgemäße Weise jenen großen Gedanken von Sokrates ausspricht, daß das Leben unter der Idee des Guten nur möglich ist durch Selbsterkenntnis und die Entwicklung der Idee des Guten. Es ist das Wesentliche und Wichtige dabei, daß hier nicht ein Gebot oder Postulat, sondern der gute Wille, das streben nach dem Guten,. Gerade in beidem wird der Natur des Menschen wesentlich mehr Rechnung getragen als in allen Modellen einer Gesetzes- Postulatethik. Wenn nicht unmögliches vom Menschen verlangt wird, kann der Mensch auch freier leben. Eine Ethik, die sich in der Alltäglichkeit bewähren kann, ist meines Erachtens hilfreicher als eine, die von Forderungen ausgeht, die in den Sternen stehen.

Einzig der Gedanke der Selbstbeherrschung mutet auf den ersten Blick etwas antik an. Ja, er ist es in der Tat. Er ist ein großer Gedanke der Stoa, jener antiken Philosophieschule, bei der sittliches Leben ohne das Streben nach Selbstbeherrschung nicht möglich erschien. Ich glaube, das heute dieses Streben durchaus gelten kann, wenn darunter nicht allein die Beherrschung von Aggressionen, Affekten und Gemütserregungen verstanden wird, sondern vielmehr die Beherrschung bzw. das Zurückdrängen des Egoismus. Gerade im Streben nach Selbstbeherrschung wird eine notwendige ethische Forderung unserer Zeit nach Gemeinschaft, nach Gemeinwohl ausgesprochen. Sittliches Leben bewährt sich nur in Gemeinschaft. Wenn der Mensch allein seine eigene Freiheit im Auge hat, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse nach der Freiheit seiner Mitmenschen, gerät er in Isolation und Vereinsamung. In Isolation aber kann der Mensch nicht sittlich sein, und auch die Verinnerlichung der Sittlichkeit in Moralität wird nur aus den Kämpfen des einzelnen in und mit seiner Gesellschaft, in der er lebt, geprägt und gebildet. Im zweiten Satz unseres Gelöbnisses ist das große Erbe der Antike bewahrt. Es ist für unsere Zeit lebendig zu halten, ohne daß sperrige Vermittlungen vonnöten sind.

Gehen wir nun weiter zum dritten Satz unseres Gelöbnisses:

"Ich will mich bemühen um Verständnis und Güte im menschlichen Zusammenleben."

Es ist wohl der Satz, den wir in unsrer Zeit am nötigsten brauchen. In und um uns ereignet sich so viel Bewegendes, daß dieser Satz nicht nur an das christliche Liebesgebot mahnt, sondern vielmehr an das Prinzip des guten Willens, das Leben hier und jetzt nach ethischen Grundsätzen zu gestalten. Nur müssen wir an eines erinnern, daß gerade dieser dritte Satz des Gelöbnisses das ganze ethische Erbe des Christentum konzentriert enthält und modern ausspricht. Gerade das Liebesgebot erhält im Streben nach Verständnis und Güte seine menschliche Lebendigkeit und leitet sich aus dem Gedanken der Ehrfurcht vor Gott und allem Leben ab.

An beiden Ausdrücken Verständnis und Güte können wir sehen, wie sehr eine religiöse Ethik von Erziehung und Weiterbildung abhängt. Und wir können auch an ihnen ersehen, daß die Idee des Strebens im Grunde genommen ein Lebensprogramm des Menschen ist. Indes sind in der Tat Mißverständnisse beiseite zu schieben. Verständnis heißt nicht bloße Toleranz , die zur Duldung führt, denn damit wäre menschliches Zusammenleben nicht möglich. Verständnis muß zu einer Form der Toleranz entwickelt werden, die zur Anerkennung führt, ohne daß das eigene vernachlässigt oder das andere okkupiert wird. Anerkennung heißt, sich im anderen erkennen und in Folge Lieben zu lernen.

Was den etwas altertümlichen Begriff der Güte angeht, muß ich indes betonen, daß ein gründliches Nachdenken darüber ihn als Grundvoraussetzung für jede Mitmenschlichkeit freilegt. Wie wäre auch das Prinzip des Guten Willens in die Lebendigkeit zu bringen, wenn das menschliche Gemüt nicht zur Güte gebracht würde. Die menschliche Schwäche ist nicht Güte, sondern vielmehr liebevoller Umgang des Menschen mit den Menschen. Dieses Liebevolle gilt es zu fördern und zu schulen.

Nun zum vierten und letzten Satz unseres Gelöbnisses:

"Im Bewußtsein meiner Geistes-, Glaubens- und Gewissensfreiheit bekenne ich mich zur unitarischen Religion."

Hier ist, mit Ausnahme des Bekenntnisses, das große Erbe von Aufklärung und bürgerlicher Kultur in drei Begriffen versammelt und prägnant ausgedrückt. Aber auch dabei gilt, daß der vierte Satz nur aus den vorhergehenden zu verstehen ist, das heißt, das also Freiheit nur im menschlichen Zusammenleben, nur in der Selbsterkenntnis, nur durch die Achtung vor der Würde des Menschen und allem Leben und nur in Ehrfurcht vor Gott möglich und sinnvoll ist. In diesem vierten Satz wird somit die Forderung des einzelnen an die Gemeinschaft ausgedrückt und die höchste Formulierung des Freiheitsbegriffes ins menschliche Bewußtsein hineingehoben, nämlich der Hegelsche Gedanke, das die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit ist. Dabei ist die Notwendigkeit nicht nur von der Hegelschen Philosophie her zu begreifen, sondern genauso sehr von dem, was Not tut und was der Mensch in der Not wenden kann.

Wichtig ist zu beachten, daß die drei Formen der Freiheit ihren geschichtlichen Stellen wert als Forderung gegen totalitäre Systeme gehabt haben und weiterhin haben. In einer Gesellschaft wie der unseren , in der Freiheitsbegriff in der Bindungslosigkeit gehalten wird, ist es absolut notwendig, die Inhalte der Freiheit zu betonen, nämlich die Bildung des einzelnen in seinem Glauben, Denken und Gewissen, aber auch die Bildung des einzelnen als Wesen der Gemeinschaft. Denn der Zweck der Freiheit ist es allemal, dem Gemeinwohl zu dienen. Erst darin kommt die Sittlichkeit, die Moralität und die Religiosität des Menschen zur Lebendigkeit. Oder mit anderen Worten gesagt: die Freiheit des Menschen erhält ihren eigentlichen Sinn im menschlichen Zusammenleben, das von der Bemühung um Verständnis und Güte geprägt und von der Ehrfurcht bestimmt ist.

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