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Der kleine Unitarier

Vom heiligen Rasen und Fußballgöttern

Nicht mehr lange hin ist es bis zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Lasst uns deshalb über Fußball sprechen. Über Fußball? Im Unitarischen Mitteilungsblatt? Warum nicht, schließlich ist Fußball für manche Menschen weit mehr als ein Sport. Im Fußball findet sich nämlich vieles, was zwar nicht unbedingt in der unitarischen Religion, wohl aber in vielen anderen Religionen zu finden ist. Ihr werdet euch wundern.

Apropos Wunder. Von diesen berichten nicht nur manche Religionen, sondern es gibt wohl kaum so eine Häufung von Wundern wie im Fußball: Zum Beispiel erhoffen sich die Anhänger eines vom Abstieg bedrohten Vereins dessen Rettung und sehnen ein „Fußballwunder“ herbei. Und das „Wunder von Bern“, als Deutschland 1954 überraschend Weltmeister wurde, kennt auch heute noch jedes Kind. Es bleibt aber nicht beim Hoffen auf Wunder, nicht selten sieht man Fußballfans auf ihren Plätzen, die wie Betende in der Kirche ihre Hände gefaltet haben und Richtung Himmel blicken. Letzteres machen auch viele Fußballspieler und bekreuzigen sich gar, nachdem sie ein Tor geschossen haben, als ob ein Gott den Ball über die Torlinie geschoben hätte und nicht sie selbst. Umgekehrt habe ich allerdings noch nie einen Fußballspieler gesehen, der wütend die Faust Richtung Himmel ballt, wenn er neben das Tor geschossen hat. Das ist zwar unverständlich, aber man muss ja nicht alles verstehen.

Ja, diese Fußballspieler, das ist schon eine Spezies für sich. Von den Fans werden manche fast als Heilige betrachtet. Ein Mönch in Bangkok hat in einem Tempel sogar einen buddhistischen Schrein für den ehemaligen englischen Fußballspieler David Beckham gefertigt. Zwar wurde darüber diskutiert, doch setzte sich der Mönch letztlich mit dem Argument durch, Beckham erzeuge Begeisterung und Inspiration wie ein Heiliger. Manche Fußballspieler sind nicht nur „heilig“, sondern gelten gar als Fußballgötter. Und wenn diese Götter in Stollenschuhen den Rasen betreten, ruft der Stadionsprecher ihre Vornamen und die Fans daraufhin ihre Nachnamen – also, die Namen der Spieler, nicht ihre eigenen. Das ähnelt dem Wechselgesang zwischen Vorsänger und Gemeinde, den es auch in manchen Kirchen gibt.

Aber zurück zum Fußballgott. Dieser muss nicht unbedingt ein Spieler sein, sondern wird manchmal auch als höhere Instanz angerufen, um ins Spielgeschehen einzugreifen – wie beim Beten um ein Fußballwunder. Und wenn die eigene Mannschaft schließlich gewonnen hat, danken die fußballgläubigen Fans dem Fußballgott. Sollte jedoch der positive Spielausgang für die eine Mannschaft als Beweis für die Existenz des vorher angebeteten Fußballgottes herangezogen werden, dann bedeutet dies wohl, dass dieser Gott ganz schön parteiisch ist, denn die andere Mannschaft hat ja verloren. Oder hat jede Mannschaft einen eigenen Fußballgott? Das wäre dann ja Fußball-Polytheismus. Wie entscheidet es sich aber, welcher Gott seine Mannschaft zum Sieg führen kann? Vielleicht spielen die Götter ja selbst Fußball und der Sieger darf seiner Mannschaft…aber gut, ich schweife ab.

Auch klassischer Aberglaube ist im Fußball weit verbreitet. Es gibt Spieler, die den Rasen immer mit dem gleichen Fuß betreten oder sich die Schuhe in einer bestimmten Reihenfolge anziehen, weil sie sich damit erhoffen, ein wenig mehr Kontrolle über die Unwägbarkeiten des Fußballspiels zu erlangen. Dass solche Rituale durchaus helfen können, hatte ich ja schon in einem anderen „Kleinen Unitarier“ berichtet.

So, wir haben jetzt die Fans, die ins Stadion pilgern, um ihren Fußballgöttern auf dem heiligen Rasen zuzujubeln. Was fehlt noch? Richtig, der Schiedsrichter. Der Schiedsrichter ist wie ein Zeremonienmeister oder Pfarrer, der überwacht, dass die Regeln während des Gottesdien…, äh, ich meine natürlich Fußballspiels eingehalten werden. Manche Vereine haben überdies auch so etwas wie einen Schutzheiligen, nämlich das Maskottchen des Vereins. In Frankfurt ist dies Attila, der Adler, in Köln der Geißbock Hennes oder in Stuttgart Fritzle, das Krokodil. Auch die meisten anderen Vereine haben ein solches Symbol, das ihrer Mannschaft Glück und Kraft verleihen soll. Überdies gibt es noch eine Menge weiterer Sonderlichkeiten und Rituale, die zwischen Fußball und Religion Gemeinsamkeiten herstellen lassen.

Für manche Fußball-Anhänger geht diese Verbindung jedoch noch jenseits des Stadions weiter. Ich habe mal eine Fernsehreportage gesehen, in der über die Trauerfeier eines verstorbenen Fußballfans berichtet wurde. Die Trauerhalle und der Sarg waren vollständig mit den Farben des Lieblingsvereins des Verstorbenen geschmückt und auch die Trauergäste trugen Kleidung in den Vereinsfarben. Doch damit nicht genug, als musikalische Rahmung der Trauerfeier wurden Fangesänge angestimmt. Das machte schon einen eigenartigen Eindruck und vor allem die Mutter des Verstorbenen, die in diesem Farbenmeer ein wenig verloren aussah, konnte einem richtig leidtun. Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass die Fußballleidenschaft des Verstorbenen anscheinend soweit ging, dass Fußball tatsächlich als Religion betrachtet wurde.

Wie auch immer, letztlich sind alle Parallelen zwischen Religion und Fußball eher oberflächlicher Natur – bis auf eine: Fußball, wie gleichermaßen alle tief gelebten Leidenschaften, können nämlich die Funktion erfüllen, Menschen ein Gefühl von Sinn und Halt im Leben zu geben, also etwas, was auch Religionen im besten Falle zu leisten vermögen. Ob sich dieser Lebenssinn allein in einem Sport oder einer anderen geliebten Freizeitbeschäftigung erschöpft oder ob dazu nicht noch mehr gehört, mag jedoch jeder Mensch selbst entscheiden.

Euer Kleiner Unitarier

 
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