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„Irren ist menschlich“

Alexander Schmahl

Menschen tragen Wünsche, Hoffnungen und Sorgen in sich. Auf vielfältige Weise hinterfragen sie, was ist, was sein könnte und vor allem was sein sollte. In Folge schließen sie Versicherungen ab, sparen für schlechte Zeiten, schauen nach links und rechts, bevor sie eine Straße überqueren, beten sie, wünschen einander Hals- und Beinbruch oder schlicht und einfach Glück. Allerlei Handlungen in allen Kulturen der Welt sind darauf gerichtet, in irgendeiner Form die Zukunft zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen oder zumindest Unerwünschtes zu vermeiden. Dazu gehört natürlich auch, auf den eigenen Körper und Geist zu achten und entsprechend gesund zu leben, zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und vieles mehr.

Ausgangspunkt dessen ist ein potentiell fehlerhaftes, unzulängliches und mängelbehaftetes Dasein. Zwar sind hierzulande die Zeiten vorbei, in denen die Menschen Hunger litten oder sich vor wilden Tieren in Acht nehmen mussten, doch immerzu passieren Dinge, auf die wir lieber verzichten würden, die uns Probleme bereiten, die wir als Sand im Getriebe des Lebens empfinden – von Kleinigkeiten bis hin zu existentiellen Schicksalsschlägen. Einiges davon geschieht ohne unser Zutun und ohne unseren Einfluss, anderes gründet im eigenen, im menschlichen Unvermögen. 

Werden wir mit den Unvollkommenheiten des Daseins konfrontiert, bleibt uns nichts anderes übrig: wir müssen reagieren und Stellung beziehen. Wir überlegen oder erspüren, was uns stört, was wir als nicht gut erachten und versuchen, dieses ins Gute zu wandeln. Das geschieht auf mannigfaltige Weise, doch immer streben wir nach Veränderung und Verbesserung. Wir streben nach Glück, Zufriedenheit, Liebe, Gesundheit, Gerechtigkeit etc. Wir wollen ergreifen, was wir nicht haben oder nicht sind. Es wirken Ideale des von uns als gut Bewerteten in uns, dienen uns als Richtschnur und sind doch ganz anders als wir - nämlich ohne Makel.

Religion - Der Mensch zwischen Ideal und Wirklichkeit

Besonders in den Religionen spielt dieses Verhältnis von Mensch und Ideal eine bedeutende Rolle. Wenn man aus dieser Perspektive die meisten Religionen betrachtet, könnte man Heilige, paradiesische Jenseitsvorstellungen, Heilsversprechen, göttliche Gebote etc. als symbolhafte Ideale verstehen, die das versinnbildlichen, was der Mensch anzustreben habe, um seine Fehlerhaftigkeit zu überwinden. Hierin gründet vermutlich auch die große Erfolgsgeschichte des Begriffspaares Sünde und Erlösung. Diese sind Platzhalter für die allzu menschlichen Defizite einerseits und die Sehnsucht nach Vollkommenheit andererseits.

Und als höchstes Ideal steht über all dem in einigen Religionen ein Gott, der unsterblich, allmächtig, allgütig, allweise usw. ist. Folgt man dieser Herleitung, wäre ein solcher Gott nach des Menschen Idealebenbild geschaffen – nicht umgekehrt. Dieser Gedanke findet sich übrigens in der sogenannten Projektionstheorie Ludwig Feuerbachs, nach der die menschlichen Idealvorstellungen auf einen Gott projiziert werden. Dieser wird so zum Gegenstück des Menschen, der seine Gottheit mit denjenigen Eigenschaften versieht, die er selbst zu haben wünscht: unendlich, ewig, vollkommen, allmächtig, unverletzlich und heilig. Insofern ein Mensch an ein solches Wesen glaubt, findet er darin, bewusst oder unbewusst, seine idealisierten Sehnsüchte und Wünsche verkörpert und kann sich im Gefühl der gläubigen Verbundenheit im besten Falle aufgehoben und verstanden fühlen, da er trotz seiner Fehlbarkeit sicheres Geleit findet. Im schlechtesten Falle findet sich in diesem Missverhältnis von göttlichem Ideal und menschlicher Wirklichkeit jedoch ebenso die Möglichkeit zur Rechtfertigung eines Menschenbildes, bei dem dieser als fehlerhaft bzw. sündhaft gebrandmarkt wird und unterwürfig vor dem Ideal, vor Gott und seinen Stellvertretern auf Erden auf die Knie zu gehen hat. Nicht zuletzt hier zeigt sich die Janusköpfigkeit solcher Vorstellungen.

Dies soll nur ein Beispiel dafür sein, wie der Mensch mit seinen Unzulänglichkeiten umzugehen versucht. Es gibt noch weit mehr Formen der Verarbeitung dieses Verhältnisses von mängelbehafteter Wirklichkeit und anzustrebendem Ideal: in der Mythologie, in der Philosophie, in der Literatur, in der Kunst, im Film, in der Musik etc. Letztlich stößt der Mensch immer dann darauf, wenn er sich die Frage stellt: „Wer bin ich?“

Fehlerhafte Natur?

Es zeigt sich, der Gedanke der Fehlerhaftigkeit und Unzulänglichkeit ist vom Menschsein nicht zu trennen. Und immer misst der Mensch dabei nach eigenem Maß. Die Natur jedoch macht keine Fehler. Oder doch? Ist der Zusammenstoß zweier Galaxien ein Unfall oder Unglück? Ist es eine Katastrophe, wenn sich die Sonne in etwa vier Milliarden Jahren zu einem roten Riesen ausdehnen wird und dabei die Erde verschluckt? Für den Menschen, sollte er bis dahin überlebt haben, gewiss. Für die Natur? Gewiss nicht. Und was ist mit genetischen Mutationen, Krankheiten oder dem Aussterben von Tierarten? Das ist weniger eindeutig, aber noch immer eine Frage der Perspektive. Wir Menschen deuten Prozesse in der Natur in unserem Sinne und manchmal entsprechend als fehlerhaft, augenscheinlich dann, wenn sie für uns von Nachteil sind. So manche böse Zunge behauptet jedoch, der Mensch selbst sei ein Beweis dafür, dass auch die Natur Fehler macht, doch solche Betrachtungsweisen sind eher mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Oskar Blumenthal zwinkerte in seinem Gedicht „Allzumenschliches“:

Der weise Schopenhauer spricht –
Und gern betret' ich seine Spur:
Ein jedes Menschen Angesicht
Ist ein Gedanke der Natur.
Es folgt daraus das Eine nur,
Wenn man dem Worte Glauben schenkt:
Dass auch die ewige Natur
Mehr Dummes als Gescheites denkt.

Aus Fehlern wird man klug

Das lasse ich mal dahingestellt. Es bestätigt nur die Erfahrung unserer Unvollkommenheit. Doch gerade durch diese Selbst- und Fremderfahrung erkennen wir, was wichtig ist, was Not tut, wohin uns der Weg des Besserwerdens führen könnte. Vielleicht beruht gar alles, was wir der Welt durch unser Handeln, unser Sein, an Gutem zu geben haben, auf der Erfahrung von Unzulänglichkeiten. Wie hätte sich die menschliche Kulturgeschichte entwickelt, hätten die Menschen im jeweiligen Status quo das Optimale gesehen? Zugegeben, das ist eine unzulässige Frage, denn es wären schlicht keine Menschen gewesen, die z.B. lieber erfroren oder verhungert wären, als zu lernen, das Feuer zu nutzen.

Nichtsdestoweniger hat es etwas Paradoxes, dass es erst durch die Fehlerhaftigkeit des Seins möglich wird, wie der Phönix aus der Asche emporzusteigen. Hier drängt sich der Gedanke der Einheit des Seienden auf, die erst im Zusammenfall des Widersprüchlichen ihre Existenz begründet.

Schlussendlich macht uns der Umgang mit dem Ungenügenden der Welt und mit der eigenen Beschränktheit zu denkenden, mitfühlenden und strebenden Wesen. Wäre alles, wirklich alles schlicht „gut“ und „richtig“, stünde alles still. Dieser Gedanke fügt sich an das Ideal des Mittelweges an, dem es im Prinzip zu folgen gilt und der doch ab und an verlassen werden muss, um Gutes, Neues und Großes hervorzubringen. Denn auch unsere Unzulänglichkeiten führen nicht selten zum Verlassen des Mittelweges. Es gilt nicht nur, aus Fehlern klug zu werden und an ihnen zu wachsen, sondern Fehler rütteln uns wach, sie werfen uns aus der Bahn. Nicht selten findet sich schließlich neben einer solchen das eine oder andere Heureka-Erlebnis. Gewiss, Fehler sind ungeplant und im Grunde unerwünscht, doch steckt in ihnen eben nicht ausschließlich das Negative, sondern immer auch das Potential für Gutes.

Man denke beispielsweise an die Entdeckung des Penicillins durch den Bakteriologen Alexander Fleming: Bei einem seiner Versuche war nicht ganz sauber gearbeitet worden, so dass eine seiner Bakterienkulturen von den Sporen eines Schimmelpilzes befallen wurde. Als er die verunreinigte Probe wegwerfen wollte, fiel ihm auf, dass sich überall dort, wo sich der Pilz ausgebreitet hatte, keine Bakterien ansiedelten und dort, wo welche vorhanden waren, diese sogar eingingen. Das war der Startschuss für die Entwicklung von Antibiotika, die die Behandlung von bakteriellen Infektionen revolutioniert haben. Das ist nur ein Beispiel von vielen, in denen sich ein vermeintlicher Fehler zu etwas Positivem entwickelte.

Selbstverständlich ist die unmittelbare Wirkung, die auf einen Fehler folgt, in den meisten Fällen unerwünscht und manchmal gar tragisch. Dennoch führt letztlich jeder Fehler – den bewussten Umgang mit den Fehlerquellen vorausgesetzt – zu einem Lerneffekt und Erkenntnisgewinn.

Wider den Optimierungswahn

In diesem Sinne sind Fehler etwas Gutes. Und Gutes sollte man auch entsprechend wertschätzen, oder? Trotz der Möglichkeiten, die aus unseren Schwächen erwachsen können, ist dies ein Gedanke, der hierzulande wohl kaum zum allgemeinen Bewusstsein zählt. Fehlerhaftigkeit ist nicht vorgesehen, gehört nicht zum Konzept.

In unserem Kulturkreis klafft ein Abgrund zwischen verstärkt geforderter Fehler- und Makellosigkeit und der menschlichen Erfahrung, gleichzeitig schwach zu sein, immer auch versagen zu können. Die geforderte Perfektion lässt all das am menschlichen Leben, was dahinter zurückbleibt, als heillos defizitär erscheinen. Die meisten Menschen kennen das Gefühl, den Anforderungen des Lebens manchmal nicht entsprechen zu können und sind von dem, was die Welt von ihnen zu fordern scheint, überfordert. Insbesondere in der modernen Arbeitswelt findet dies immer mehr Einzug. Es herrscht oft ein Klima, in dem jeder bemüht ist, sich keine Blöße zu geben, kein Nachlassen erkennen zu lassen. Es gilt, immer Gewinner zu sein, niemals Verlierer. Diese Fassade der Fehlerlosigkeit aufrecht zu erhalten, erfordert einen immensen Kraftaufwand und nicht wenige schaffen dies nicht auf Dauer, was wiederum als Schwäche erfahren wird - der Teufelskreis schließt sich.

So entsteht ein Leistungsdruck, der auch andere Lebensbereiche umschließt. Eltern haben Angst, ihre Kinder würden nicht genug lernen, um zukünftig auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Kinder haben die gleiche Angst, verbunden damit, den Ansprüchen der Eltern nicht gerecht zu werden. In den Medien gehören Ranglisten zum Alltag (Die besten…, schönsten…, beliebtesten… usw.) und vor allem im Internet wird alles und jeder bewertet: Restaurants, Hotels, Wohnungen, Musik, Konsumgüter, Lehrer, Ärzte, Kommentare, Gedanken, Artikel etc. Gewiss kann das auch Vorteile mit sich bringen, doch zu welchem Preis: Das Leben als Wettbewerb, in dem ein ständiger Rechtfertigungs- und Selbstoptimierungsdruck herrscht. Es gibt sogar mittlerweile im Internet die Möglichkeit, ganz normale Menschen zu bewerten, damit andere sehen können, ob sie es mit einem „guten“ Menschen zu tun haben.

All das ist Ausdruck einer Kultur, die nach Perfektion zu streben scheint – und mag sie noch so oberflächlich sein. Dabei geht es jedoch nicht um das Ideal des Menschen, der nach seelischer, geistiger und zwischenmenschlicher Vervollkommnung strebt, um seinen Teil für Frieden und Gerechtigkeit zu leisten. Der Zeitgeist der gegenwärtigen selbstauferlegten oder systemgeforderten Selbstoptimierung ist vielmehr auf Effizienzsteigerung ausgerichtet. Doch was bewirkt dies beim Mängelwesen Mensch? Was hat dies für Auswirkungen auf den Einzelnen, auf sein soziales Umfeld und auf die Familien, in die dieses Lebensgefühl hineingetragen wird? Wie wirkt sich ein Wettbewerbsumfeld auf unsere Gesellschaft als Solidargemeinschaft aus?

Zugegeben, das ist ein Bild, das man nicht ganz so schwarz malen müsste, und man kann sich lange darüber streiten, ob ein solcher Kulturpessimismus angebracht ist. Gewiss aber gibt es eine Tendenz zu einem allpräsenten Wettbewerbsbewusstsein, das zu vermitteln versucht, Optimierung bedeute Effizienzsteigerung. Dabei wird übersehen, dass dies für Maschinen, Computer, die Bahn, Wirtschaftskreisläufe oder ähnliches gelten mag, nicht aber für Menschen. Es ist ein fatales Menschenbild, das einen guten Menschen im Kern als einen effektiven Menschen beschreibt.

Kultur der Schwäche

Diesem Fortgang entgegenzuwirken ist schwierig und komplex, schließlich kann der Einzelne strukturelle Änderungen nicht ohne weiteres herbeiführen. Doch wie so oft beginnen große Veränderungen beim einzelnen Menschen selbst. Ein erster Schritt wäre die Bewusstwerdung und Anerkennung des Menschen als Mängelwesen. Das heißt nicht, dass unsere Unzulänglichkeiten zu Tugenden werden sollten. Nein, wir sollten unsere Fehler hinterfragen, versuchen, diese zum Besseren zu wenden und weiterhin nach hohen Idealen des Menschseins streben – obgleich die Ideale sorgsamer ausgewählt werden sollten.

Verbunden damit wäre es wünschenswert, die Schwäche und Fehlerhaftigkeit bei sich und bei anderen nicht so sehr als Stigma zu sehen, sondern als etwas, was uns alle zu Menschen macht und miteinander vereint. Denn mir scheint, Georg Christoph Lichtenberg hatte recht, als er schrieb: „Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andre ihn begehen.“

Es kommt nicht von ungefähr, dass die tiefsten Beziehungen zu anderen Menschen - mögen es partnerschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen sein - erst entstehen, wenn man um die Unzulänglichkeiten des Anderen weiß, ohne diese seinem Gegenüber zum Nachteil werden zu lassen und stattdessen darin schlicht dessen Menschensein erkennt.

Insofern wäre ein bisschen mehr Sanftmut schön – bezogen auf das Zwischenmenschliche, aber auch auf das gesamte Dasein selbst. Nur so können Werte wie Toleranz, Friedfertigkeit, Nachsicht, Rücksicht, Gerechtigkeit, Treue oder Mitgefühl zu ihrer Bestimmung finden. Und dieser bedürfen wir doch alle.

Alexander Schmahl

 
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