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Humanität! Toleranz! …Ehrfurcht?

Alexander Schmahl

Humanität und Toleranz haben in unserer Gemeinde einen hohen Stellenwert. Oftmals werden diese aber im Zusammenhang mit dem Begriff der Ehrfurcht verwendet. Während die meisten Menschen sich ohne Weiteres mit den Inhalten von Humanität und Toleranz identifizieren können, führt „Ehrfurcht“ leider immer wieder zu Missverständnissen. Ich erinnere mich beispielsweise an das letztjährige Überregionale Treffen freireligiöser und unitarischer Gemeinden in Frankfurt, bei dem einige Teilnehmer recht irritiert auf die Verwendung dieses Begriffes reagierten. Das ist auf den ersten Blick sogar nachzuvollziehen, denn zum einen scheint das Wort selbst seltsam aus der Zeit gefallen zu sein und zum anderen lässt die Erwähnung von Ehrfurcht bei vielen nicht-religiösen oder frei-religiösen Menschen eher unangenehme Assoziationen entstehen. Überdies ist es vermutlich auch eine Generationenfrage, denn meinem Eindruck nach tun sich gerade Menschen jüngeren Alters recht schwer mit diesem Begriff. Warum hat „Ehrfurcht“ einen so faden Beigeschmack?

Aus Gesprächen und Diskussionen weiß ich, viele Menschen verbinden damit den kleinen, vor einem allmächtigen Gott knienden furchtsamen Menschen, der voll Schuldbewusstsein und Sündenlast die göttliche Gnade erbittet. Wer sich jedoch ein wenig mit unserem Gottesbegriff auskennt, weiß, eine solche Ehrfurcht kann nicht gemeint sein. Wir haben ja auch keinen Gottesdienst, denn dem, was wir unter dem Wortsymbol „G O T T“ verstehen, kann man nicht dienen. So können wir auch keinem allmächtigen Wesen irgendetwas schuldig sein, wir müssen nicht zu Kreuze kriechen und um unser Seelenheil bangen und bitten. Selbstbewusst und erhobenen Hauptes können wir durchs Leben gehen. Wozu dann aber Ehrfurcht? Wie passt das zusammen?

Ehrfurcht ist nicht an den Glauben an einen personalen Gott gebunden. Ehrfurcht, wie wir sie verstehen, ist ein elementares Gefühl der menschlichen Weltbegegnung in ihrer Gesamtheit. In diesem Sinne ist Ehrfurcht ein religiöses, spirituelles oder metaphysisches Grunderlebnis. Ähnlich empfand wohl auch  Albert Einstein, als er folgendes schrieb: „Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wem die Erregung darüber fehlt, wer nicht stillstehen und, von Ehrfurcht überkommen, sich wundern kann, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.“

Selbst Immanuel Kant, dem man gewiss keine pathetisch-religiöse Schwärmerei  vorwerfen kann, schrieb in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Eine derartige Ehrfurcht kennen auch Menschen, die sich selbst weder als religiös noch als spirituell bezeichnen, wobei dies letztlich eine Frage der Begriffe und nicht des Inhalts ist.

Ehrfurcht ist eines der intensivsten Gefühle, die wir Menschen erleben können, wenn sich der Mensch im Universum, in der Natur zu spiegeln versucht und im großen Ganzen sich selbst erkennt. Sie erfüllt uns, wenn wir in staunender Bewunderung innehalten vor der Unermesslichkeit des Universums, vor dem ewig sich gestaltenden, sich wandelnden Geschehen, vor dem Geheimnis des Alls, unseres Daseins und alles uns umgebenden Lebens, das wir in uns und um uns spüren. Hier erleben wir den Weltgeist, das Göttliche, die Natur, das Absolute, das Unerforschliche, die Einheit allen Seins – wie auch immer man es benennen mag. Namen sind Schall und Rauch. Dieses Erleben, das in der Ehrfurcht seinen Ausdruck findet, ist eine der wesentlichen Grundlagen der unitarischen freien Religion. Das macht jede Offenbarung, jeden Propheten, jede Interpretation alter Geschichten überflüssig. Eine solche Ehrfurcht bedingt auch, sich zufriedenzugeben mit der Tatsache, dass dem Menschen, bei all seinen erstaunlichen Fähigkeiten, Grenzen gesetzt sind, wenn er die Zusammenhänge des Daseins zu erspüren und mit seinen Mitteln zu erklären versucht. An diesem Punkt könnte man sich tatsächlich ganz klein fühlen und demütig auf die Knie sinken – nicht vor einem göttlichen Wesen, sondern in Anbetracht der Teilhabe an diesem unfassbaren Universum.

Viele Menschen beschreiben dieses Erleben zum Beispiel als „Eins mit der Natur“ zu sein. In solchen Momenten meint man gewissermaßen bei der Auflösung eines großen Geheimnisses miteinbezogen zu sein, die Trennung der Vielheit von der Einheit überwunden zu haben: „Aus  Allem  Eins  und  aus  Einem  Alles“ (Heraklit). Das ist letztlich ein urreligiöses Motiv, und solche derartigen menschlichen Grunderlebnisse in der Weltbegegnung haben möglicherweise mit dazu beigetragen, dass sich in vielen Religionen mannigfaltige Geschichten über die Trennung von Mensch und Gott und deren Überwindung durch unterschiedlich geartete Erlösungsmythen und Erleuchtungsstreben entwickelt haben. Solche Geschichten sind jedoch letztlich Versuche, die Tiefenwirkung des Daseins in menschliche Kategorien zu verpacken und damit verstehbar zu machen. Allerdings, und da befindet sich der Haken, wurde dadurch das eigentliche Geheimnis des Daseins entzaubert und in ein Über-/Unterordnungsverhältnis von Mensch und Natur, Mensch und Gott usw. gezwängt. In diesem Sinne wurde Ehrfurcht tatsächlich zu einem von Furcht geprägten Sich-klein-machen vor einem Gott, dessen Gnade sich der Mensch erhofft. Sie verengt sich dann zur Angst oder Furcht, wenn staunende Bewunderung und Vertrauen zurücktreten, wenn Gott vermenschlicht und als Person angesehen wird. Doch Ehrfurcht in unserem Sinne hat damit nichts zu tun.

Damit verbunden besitzt Ehrfurcht in unserer Gemeinde eine ethische Dimension. Insbesondere Goethe zeigte immer wieder diese Verbindung auf. Zum Beispiel als er schrieb: „…die Natur hat jedem alles gegeben, was er für Zeit und Dauer nötig hätte; dieses zu entwickeln, ist unsere Pflicht, öfters entwickelt sich's besser von selbst. Aber eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei…: Ehrfurcht!“ Ehrfurcht, um nach allen Seiten ein Mensch zu sein?! Diese Forderung ist augenscheinlich eine ethische. Weiterhin unterscheidet Goethe „eine dreifache Ehrfurcht, die, wenn sie zusammenfließt und ein Ganzes bildet, erst ihre höchste Kraft und Wirkung erreicht." Die Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, also vor dem, was über unsere Erkenntnisfähigkeit hinausgeht. Die Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist oder neben uns ist. Sie nennt Goethe „das Verhältnis zu seinesgleichen und also zur ganzen Menschheit, das Verhältnis zu allen übrigen irdischen Umgebungen." Zu guter Letzt die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist, die das Verständnis und Mitgefühl gegenüber den Mitmenschen betont, besonders den Schwachen, Notleidenden, Gefährdeten. Sie führt zur Bereitschaft, sich für andere einzusetzen, zu helfen, zu sorgen und für ein menschenwürdiges Dasein einzutreten.

In einer so verstandenen Ehrfurcht gründet die Humanität, die Achtung vor der Würde des Menschen und allem Leben. Denn Ehrfurcht zeigt einem die eigenen Grenzen auf, sie lässt einen reflektieren, die eigenen Fehler, Schwächen und Eigenarten erkennen und alle Menschen unserer Heimat Erde als ebenbürtig einordnen: „Ehrfurcht übersteigert den Menschen nicht ins Göttliche. Auch der größte Mensch hat wie der kleinste etwas uns verwandtes. Alle sind Menschen wie wir" (Karl Jaspers). Ehrfurchtslosigkeit, oder wie auch immer man dies bezeichnen möchte, birgt die Gefahr der Hybris des Menschen, der überheblichen Ansicht, die eigenen Erkenntnisse und Meinungen allein wären wahr. Insofern gründet sich darin auch die Intoleranz, wenn Zwischenmenschlichkeit nicht als Ehrfurcht vor dem Menschsein verstanden wird. „Aber auch den letzten Rest der Anlage der Menschheit, sei er selbst noch so gering, muss der Mensch achten, noch hier die Idee der Menschheit ehren" (Immanuel Kant). Wie viel Unmenschlichkeit, Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit, Leid und Elend gründen wohl mittelbar oder unmittelbar auf dem Fehlen von Ehrfurcht vor dem Anderen und der uns umgebenden Natur?! Schließlich sind der Wille zum Handeln und das Verhalten selbst davon abhängig, wie wir über andere Menschen denken - aber auch, wie wir über uns selbst denken.

Für Karl Jaspers war „die Ehrfurcht vor jedem einzelnen Menschen als vor der hohen Möglichkeit in ihm...der Ursprung der Ehrfurcht vor sich selbst, die es nicht erträgt, etwas zu tun, zu fühlen, zu denken, weswegen ich mich verachten muss.“ So zeigt uns die Ehrfurcht zwar unsere Grenzen auf, offenbart uns jedoch gleichzeitig die Möglichkeiten zur ehrlichen Selbsterkenntnis und selbstbewussten Wesensentfaltung, da sich der Mensch weder vor einem Gott klein machen muss, noch der anthropozentrischen Selbstüberschätzung unterliegt.

Diese zwei zusammenhängenden Dimensionen, die der elementaren Weltbegegnung und die des Ethischen, machen die Ehrfurcht zu einem für unsere Gemeinde so wichtigen Bestandteil. Und mag die Erwähnung des Wortes „Ehrfurcht“ im Alltäglichen bei manchen Menschen eher Stirnrunzeln hervorrufen, möge dies nicht ihren Gehalt überdecken. Man sollte sich vor Augen halten, der Inhalt ist immer wichtiger als die Form, das gilt auch für den Sprachgebrauch.

Alexander Schmahl

 
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