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Gedanken über den Sinn des Lebens – Teil II

Alexander Schmahl

Im Mitteilungsblatt 5/2014 wurden bereits einige Gedanken über den  „Sinn des Lebens“ formuliert. Die nachfolgenden Zeilen sind als Fortführung zu verstehen, in der die Fragen nach einem sinnerfüllten Leben im Mittelpunkt stehen.

Wie das Leben so spielt

Wir Menschen sind gewissermaßen unfreiwillig ins Leben geworfen worden und jeder muss Strategien entwickeln, wie er mit den Herausforderungen des Lebens zurechtkommt. Ich habe vor einiger Zeit zwei Lebensgeschichten gelesen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Zum einen wurde die Geschichte eines gesunden, attraktiven Mannes Mitte 30 beschrieben, der nicht arbeitete, da er viel Geld geerbt hatte, und nebenbei ein Buch schrieb, was ihn zu erfüllen schien. Als Kontrast wurde diesem das Leben einer über 70 Jahre alten Frau gegenübergestellt, die mit elf Jahren an Kinderlähmung erkrankte, drei Tage nachdem ihr Bruder an der gleichen Krankheit gestorben war. Sie überlebte zwar, musste jedoch fortan in einer Eisernen Lunge leben. Die Frau konnte nicht auf die Toilette gehen, musste gefüttert werden und konnte nur mit Hilfe eines gereichten Strohhalms etwas trinken.

Beide Menschen haben sich nicht kennengelernt, doch stellten sie sich die gleiche Frage: „Worin besteht der Sinn unseres Lebens?“ Der Mann begann über den Sinn seines Daseins als Zwölfjähriger nachzudenken, nachdem sein Vater verstorben war. Über den Sinn und Zweck seines Lebens schrieb er das oben erwähnte Buch mit über 1900 Seiten und kam zu dem Schluss: „Jedes Wort, jeder Gedanke, jede Emotion führt zurück zu einem Grundproblem: Das Leben ist sinnlos.“ Zwei Tage nachdem er das Buch beendet hatte, nahm er sich das Leben. Bereits im letzten Beitrag über den Sinn des Lebens habe ich unter anderem darüber gesprochen, dass einen die Sinnfrage - vor allem die Frage nach einem übergeordneten Sinn - in Verzweiflung stürzen kann. Das ist diesem Mann vermutlich widerfahren. Die Frau hingegen kam zu einem ganz anderen Schluss. Sie empfand das Leben als ein Abenteuer und trotz aller Widrigkeiten, die ihr körperlicher Zustand verursachte, lohnte es sich für sie, jeden Morgen aufzuwachen.

Friedrich Nietzsche schrieb: „Wozu die Welt da ist, wozu die Menschheit da ist, soll uns einstweilen gar nicht kümmern, …aber wozu du Einzelner da bist, das frage dich, und wenn es dir keiner sagen kann, so versuche es nur einmal, den Sinn deines Daseins gleichsam…zu rechtfertigen, dadurch dass du dir selber einen Zweck, ein Ziel, ein „Dazu“ vorsetzest, ein hohes und edles „Dazu“.“ Dies hat die besagte Frau beherzigt, denn sie versuchte, sich selbst einen Zweck, ein Ziel, ein Dazu zu geben: Sie studierte, lud oftmals Freunde und Bekannte ins Haus ein und war in ihrem Dorf als gute Zuhörerin und Trösterin bekannt.

Bemerkenswert an diesen beiden Lebensgeschichten ist, dass ein sinnerfülltes Leben anscheinend nicht so sehr von den Lebensumständen als vielmehr von den Einstellungen zum Leben und bestimmten erfüllten Bedingungen abhängig ist.

Erkenne Dich selbst

Beschäftigt man sich mit der Frage nach einem sinnvollen oder sinnerfüllten Leben, so begegnen einem immer wieder Begriffe, die seit der antiken Philosophie der Lebenskunst bis heute nichts an Bedeutung verloren haben: Glückseligkeit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Selbstachtung, Selbsterkenntnis, Ruhe, Genuss, Tatkraft, das Finden des rechten Maßes, naturgemäßes Leben und einige andere mehr. Danach strebt der Mensch seit jeher. So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich zwar die Zeiten ändern, nicht aber der Mensch. Doch warum begnügen wir uns nicht damit, einfach nur da zu sein und zu schlafen, zu essen und für Nachwuchs zu sorgen, sondern versuchen, unserem Leben Bedeutung und Sinn zu verleihen?

Wir Menschen sind in der Lage, uns von außen zu betrachten und einen vermeintlich unabhängigen Blick in den Spiegel unseres Selbst zu werfen. Dadurch können wir Vorstellungen davon entwickeln, was ist und was sein könnte. Vermutlich hat jeder Mensch in seinem Leben die eine oder andere  schlaflose Nacht verbracht, in der er sich auf den Prüfstand stellte und Rechenschaft vor sich selbst ablegte. Dann bewerten wir unser Handeln, Denken und Fühlen. Wir denken über unsere Fähigkeiten nach, wie wir diese einsetzen, wir versuchen unser Wesen zu ergründen, um uns besser zu verstehen und gegebenenfalls aus dem Resultat dieser Erkenntnis unser Leben zu verändern. Letztlich nimmt sich der Mensch nämlich als unfertig und unvollständig wahr; er ist gewissermaßen eine unausgereifte Idee, die immer weiter entwickelt werden muss. Insofern sind in uns, gleich einer Knospe, die zur Blüte strebt, Potentiale und Möglichkeiten angelegt, die wir erkennen und ausleben wollen.

Was aus diesem Prozess resultiert, ist die Selbsterkenntnis. Doch warum sollte das so wichtig sein? Das Leben besteht aus einer Abfolge von zu treffenden Entscheidungen und damit wir die für unseren Lebensweg richtigen Schlüsse ziehen, bedürfen wir der Selbsterkenntnis. Dann erst ist es uns möglich, Begegnungen, Erfahrungen und alles, womit das Leben aufwartet, in sinnvolle Verbindungen mit uns selbst zu bringen. Wir müssen erkennen, was uns Kraft verleiht, was uns Freude bereitet, was wir als bedeutsam im Leben ansehen. Wir müssen schauen, welche Möglichkeiten uns gegeben sind, welche geistigen, seelischen und materiellen Güter unser Leben bereichern können. So überprüfen wir – bewusst oder unbewusst -, wie wir ein sinnerfülltes Leben führen, wie wir unserem Leben Bedeutung verleihen können. Dieses Hinterfragen des eigenen Selbst wird somit zum Ausgangspunkt und zur Voraussetzung für die Möglichkeit, Sinn im Leben zu erfahren.

Zugegeben, das hört sich einfacher an, als es ist. Das alles ist nicht von heute auf morgen zu schaffen, wie es allerlei Lebensratgeber zum Thema allzu oft versprechen. Es ist ein lebenslanger Prozess, der mit vielen positiven Gedanken und Erlebnissen, aber auch enttäuschten Erwartungen und Vorstellungen verbunden ist. „Im Innern ist ein Universum auch“, schrieb einst Goethe, und dieses Universum zu erforschen, ist eine immerwährende Aufgabe. Ja, vermutlich wird man sich niemals in Gänze richtig erfahren können, doch allein das Bemühen um ein stimmiges Selbstbild ist Grundstein jedes sinnvollen Lebens. 

August Mahlmann schrieb:

Steige nur hinab in dich!
Kräfte, welche lange schliefen,
Hält dein unergründlich Ich
Tief in seinen innern Tiefen.
Du bist Herr in deiner Welt!
Hast du dich, so hast du alles,
Lächelst, wenn dein Glück zerschellt,
Ruhig seines wilden Falles.
Bleib dem Wesen in dir treu!  
Damit sprengst du alle Ketten,
Vor dem Schicksal wirst du frei
Dich in deine Ich-Welt retten!

Zu dieser Selbsterkenntnis gehört es auch, wahrhaftig mit sich selbst umzugehen und sich dabei auch die eigenen Schwächen bewusst zu machen - und diese anzuerkennen. Ich stelle immer wieder fest, wie schwer sich viele Menschen damit tun, sich selbst und anderen gegenüber die eigenen Unzulänglichkeiten einzugestehen. Es gilt das antike Postulat – ich zitiere es immer wieder: „Nichts Menschliches sei dem Menschen fremd“. Angst zu haben, Fehlurteile abzugeben, Unglücklich zu sein und vieles mehr, was im Leben eben nicht ganz rund läuft, ist ebenso Teil unseres Menschseins. Dies anzunehmen und in das eigene Leben und Wesen einzugliedern, ist gleichsam ein wichtiger Schritt zur Selbstachtung, die überdies entscheidend für das Führen eines sinnerfüllten Lebens ist. Allerdings macht es uns der heutige Zeitgeist nicht leicht. Ich denke da beispielsweise an die zunehmend überfordernde grenzenlose Optimierung in fast allen Lebensbereichen. Alles muss schnell, reibungslos und gleichzeitig fehlerfrei funktionieren. Das gilt insbesondere für moderne Arbeitsstrukturen, denen sich der Mensch zu unterwerfen hat, so dass er in dieser Spirale der Selbstoptimierung gefangen ist. Eine daraus resultierende Gefahr besteht in der zunehmenden Unmöglichkeit, einfach Mensch zu bleiben und seinem naturgemäßen Wesen zu entsprechen. Mehr und mehr drängt sich der Eindruck auf, der Mensch sei angehalten, sich gegen sich selbst aufzulehnen, was unter anderem in besagter schwindender Selbstachtung und Selbsterkenntnis mündet und schließlich in der gefühlten Sinnlosigkeit im Leben Ausdruck erhalten kann. Das muss natürlich nicht so weit kommen, doch lassen sich meines Erachtens entsprechende Entwicklungen erkennen.

Sinnvolles Leben = bejahenswertes Leben

Neben der Voraussetzung, sich über die Bedingungen des Menschseins klarzuwerden und hinsichtlich dessen eine immerwährende Selbsterkenntnis zu betreiben, ist ein sinnerfülltes Leben ein tätiges Leben. Und so schön und wichtig der Müßiggang ab und zu ist, ist der Mensch zum Streben und Handeln geboren. Daran schließt sich die Frage an: „Was soll ich tun?“ Stellt man sich diese Frage hinsichtlich des Lebenssinns, so führt dies zu einem „existentiellen Imperativ“ (Wilhelm Schmid): „Gestalte dein Leben so, dass es bejahenswert ist.“ Auf welchem Weg dieser Imperativ Geltung erlangt, kann von Mensch zu Mensch verschieden sein. Gewiss entsteht ein solches Leben aus der Kombination verschiedener Bereiche.

Das bejahenswerte Leben kann im Streben begründet sein, zu versuchen, die Welt zu verstehen und ihre Einzelphänomene nach und nach zusammenzufügen. Wer Wissen und Erkenntnis erlangt sowie seelische und körperliche Erfahrungen macht, ist im Grunde dem Geheimnis des Daseins auf der Spur. Denn nach und nach fügen sich immer mehr Einzeldinge zu einem einheitlichen Verständnis zusammen und die verschwommene Weltsicht klart zunehmend auf. Das ist zwar ein nie endender Weg, doch liegt vielleicht gerade darin für viele Menschen der Reiz.
Auch kann es erstrebenswert sein, übergroße Erwartungen an das Leben abzulegen. Also im Sinne der Philosophie der Stoa zu einem positiven Gleichmut im Leben zu gelangen und zu erkennen, was wirklich wichtig ist und was nicht. Ausdruck davon ist beispielsweise der Konsumverzicht oder die Mäßigung. Gerade in einer Überflussgesellschaft, die den Konsum als modernes Heilsversprechen vermittelt, erfährt diese Lebensart bei immer mehr Menschen Zuspruch. Dahinter steckt womöglich die Erwartung, durch Verzicht sich selbst und seiner Mitwelt ohne überflüssigen Ballast näher kommen zu können und dadurch das Leben unmittelbarer und naturgemäßer zu erleben. Auch die Praxis des Fastens lässt sich unter anderem auf eine derartige Motivation zurückführen.

Umgekehrt ist aber auch da Sinn zu erfahren, wo die Genussmomente des Lebens liegen. Also schlicht zu erkennen, was einem Freude bereitet, und dieses zu kultivieren. Dazu gehören jedoch nicht nur lustbetonte Freizeitbeschäftigungen, sondern auch das genussvolle Auskosten des Gefühls nach der Überwindung von Lebenshürden.
Gewiss haben für viele Menschen auch Naturerlebnisse etwas Sinnstiftendes. Für Stadtbewohner ist es zwar nicht immer ganz so leicht, dieses zu erleben, doch man kann sich darum bemühen, den Erscheinungen der Natur, wie dem Werden und Vergehen, den Wechsel der Jahreszeiten, der Kraft eines Gewitters o.ä. nicht mit Gleichmut, sondern mit emotionaler Nähe zu begegnen und innerlich zuzulassen, was die umgebende Natur beim Menschen bewirken kann. Wer darin  eine Bedeutung erspürt, der hat gewiss einen weiteren kleinen Schritt zu einem sinnerfüllten und bejahenswerten Leben gemacht. Ähnlich wie bei den Formen des Verzichts steht auch hier die Erfahrung des Menschen als Naturwesen im Vordergrund.

Nicht vergessen werden darf das Sich-einsetzen für etwas Größeres, für erstrebenswerte Ideale. Es ist für viele Menschen sinnstiftend, sich darum zu bemühen, aus der Welt, wie sie ist, eine Welt zu machen, wie sie sein sollte. Ob es dabei um Tier- oder Umweltschutz geht, um Menschenrechte, um Bildung oder im Alltag schlicht dafür zu sorgen, dass sich die Menschen um einen herum wohl fühlen; kurz gesagt: Dinge zum Positiven zu wenden, ist ein großer Sinnstifter.

Gewiss, all das sind nur einige wenige Beispiele dafür, welche Wege Menschen beschreiten können, um Ja zum Leben sagen und Sinn erfahren zu können. Zusammengenommen gibt es sicherlich kein allgemeingültiges Patentrezept. Deutlich wird jedoch, Sinn und ein bejahenswertes Leben finden sich nicht nur im tätigen Leben an sich, sondern in einem, in dem die Verbindung und das Zusammenführen der Einzeldinge, elementar ist, so dass das menschliche Verständnis vom Verhältnis der Vielheit zur Einheit wachsen kann: Sinn entsteht dort, wo Getrenntes vereinigt wird.

Widersprüche annehmen und auflösen

Auf diesem Wege wird auch das allzu oft tragische Dasein des Menschen in eine höhere, harmonische Ordnung aufgenommen, denn ohne eine solche wird auch das Suchen und Finden eines individuellen Lebenssinns im Hier und Jetzt erschwert. Sigurd Taesler schrieb: „Die Gegensätze und Widersprüche des Lebens erscheinen dann – ebenso wie der zwiespältige Mensch selbst - nicht sinnwidrig oder sinnlos, sie gehören notwendig zum Leben, durch sie erfüllt sich Sinn im Leben. Ohne das Böse und Grausame ist das Gute nicht zu empfinden, ohne das Hässliche das Schöne nicht zu erkennen, ohne Unglück gibt es kein Glück, ohne Dunkelheit kein Licht, ohne Chaos kein Streben nach Ordnung und ohne Erkenntnis der Unvollkommenheit keine Sehnsucht und kein Streben nach Vollkommenheit.“ Das ist gewiss keine revolutionäre Erkenntnis, doch liegt die Kunst darin, sich diese Zusammenhänge immer wieder deutlich zu machen und schließlich zum Teil des eigenen Wesens werden zu lassen.

Bleibendes schaffen

Um auf die Frage zurückzukommen, warum wir uns überhaupt um ein bejahenswertes, sinnerfülltes und bedeutsames Leben bemühen, kommt man um einen Aspekt nicht herum: Die Endlichkeit des Menschenlebens. Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit ist eine wesentliche Antriebsfeder, aus dem Leben etwas zu machen. Gleichzeitig kann uns dieses unausweichliche Ende großes Unbehagen bereiten, denn bei vielen Menschen verschwindet die Frage, warum man sein Leben gestalten sollte, wenn es ohnehin irgendwann vorbei ist, niemals ganz. Vermutlich haben dieser Gedanke und das einhergehende Gefühl zu den vielen Jenseitsvorstellungen der Menschen geführt, denn mit einem solchen Konzept lässt sich das Problem der Endlichkeit leichter ertragen. Wir Frankfurter Unitarier, gleichsam auch andere freireligiöse Gemeinden haben jedoch kein Bild eines Jenseitigen. Wir folgen in solchen Fragen der intellektuellen Redlichkeit, indem wir sagen, wir können über das, was nach dem Tode sein könnte, keine Aussagen treffen. Natürlich steht es aber jedem einzelnen Mitglied unserer Gemeinde frei, eigene Vorstellungen zu entwickeln.

Wie auch immer, ein Grundsatz der freien Religion war deshalb stets: „Diesseits statt Jenseits“. Damit ist die Aufforderung verbunden, nicht auf eine vermeintliche Erlösung im Jenseits zu warten, sondern im Hier und Jetzt sein Leben zu einem sinnvollen zu machen. Eine Zutat eines sinnerfüllten Lebens, die es ohne die Ideen eines jenseitigen Lebens vermag, unsere Endlichkeit mit der Ewigkeit zu verbinden, ist Bleibendes im Hier und Jetzt zu schaffen.

Das hört sich vielleicht erst einmal einschüchternd an, denkt man dabei gleich an Weltbewegendes. Es ist den meisten Menschen nun einmal nicht gegeben, sich in herausragender Weise ins Buch der Menschheitsgeschichte einzutragen, aber das ist damit auch nicht gemeint. Es geht vielmehr darum, dass selbst derjenige Bleibendes schafft, der schlicht mit seiner Mitwelt in Kontakt tritt. Nichts geht verloren: weder Gedanken und Worte, noch menschliches Handeln sind ohne Wirkung, zwar nur im ganz Kleinen, doch war die Welt vor dem eigenen Zutun nicht eine andere?!

Schiller schrieb:

Leicht verschwinden der Taten Spur
Von der sonnenbeleuchteten Erde
Wie aus dem Antlitz die leichte Gebärde.
Aber nichts ist verloren und verschwunden,
was die geheimnisvoll waltenden Stunden
in den dunkel schaffenden Schoß aufnahmen.
Die Zeit ist eine blühende Flur,
ein großes Lebendiges ist die Natur,
und alles ist Frucht, und alles ist Samen.

Insofern steckt selbst im begrenzten Leben etwas Ewiges. Und macht man sich dies bewusst – also lässt diesen Gedanken Teil der eigenen Welt- und Lebenssicht sein – so wird das eigene kleine endliche Leben ein nachwirkendes, das die Endlichkeit mit der Ewigkeit in einen Zusammenhang führt und damit Sinn in sich trägt.

Wir brauchen eine Philosophie / Weltanschauung / Religion

Doch um solche und andere wesentlichen Gedanken in sich entstehen und reifen zu lassen, ist gewiss noch eine weitere Zutat zum Rezept des als sinnvoll erlebten Lebens notwendig. Der Mensch benötigt einen geistigen Überbau, eine Philosophie, eine Weltanschauung, eine Religion, eine geistige und emotionale Heimat, die den Menschen dabei unterstützt, die Etappen seines Lebens in einen sinnvollen Zusammenhang zu stellen, und Möglichkeiten eröffnet, trotz aller Widrigkeiten dem Leben einen unverwechselbaren Sinn zu geben. Denn Sinn im Leben entsteht nicht allein durch viele kleine Einzelmomente, sondern insbesondere durch einen alle Lebensstationen begleitenden roten Faden, der uns die Richtung weist.

Ich möchte hier kein Plädoyer allein für die unitarische freie Religion halten, denn welchen Überbau der Mensch wählt, bleibt ganz ihm selbst überlassen. Allerdings bietet meines Erachtens gerade der Ansatz der freien Religion eine besondere Möglichkeit für den Einzelnen, sich dem eigenen Wesen gemäß zu entfalten, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Diese Kombination ist prädestiniert, um derartigen Fragen wie denen nach dem Lebenssinn positiv und fruchtbar zu begegnen. Gleich welchen Überbau sich der Mensch schafft, er kann so auf Leitsterne blicken, an denen er sich in guten und natürlich gerade auch in schlechten Zeiten orientieren kann. Leitsterne, die etwas Beständiges im Wandel sind.

Das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Alte Strukturen sind zerfallen, sinnstiftende Traditionen, Konventionen, Religionen und Weltanschauungen haben an Bedeutung verloren. Es gibt viele gute Gründe dafür, warum dies eine logische Konsequenz in der Entwicklung eines mündigen, freien Menschen war, doch sind dadurch auch Probleme entstanden. Das geistige Gut einer Kultur und Gesellschaft ist heute viel kleinteiliger geworden. Damit stehen gemeinsame geistige Ressourcen dem einzelnen Menschen kaum noch zur Verfügung und er muss sich viel mehr als in früheren Zeit alleine den Herausforderungen des Lebens stellen, was angesichts der steigenden Komplexität unserer modernen Gesellschaft immer schwieriger wird. Dabei stellt er sich immer noch die gleichen Fragen: Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Bin ich mit meinem Leben auf dem richtigen Weg? Wie soll ich mit dem unausweichlichen Tod umgehen? Welchen Werten will ich in meinem Leben Bedeutung einräumen? Was ist der Sinn von alledem?

So persönlich derartige Fragen sind, letztlich können diese nur im Austausch und durch die Erfahrung mit anderen Menschen beantwortet werden. Das kann im Freundeskreis oder der Familie sein, aber auf eine ganz besondere Weise in Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.

Natürlich ist all das hier Angeführte bloße Theorie und für viele Menschen nicht ohne Weiteres in die Praxis umzusetzen, selbst wenn sie die Zutaten für ein sinnerfülltes Leben kennen. Manchmal steht man sich im Leben selbst im Weg oder äußere Umstände erschweren ein Leben, das den Bedingungen eines bejahenswerten Lebens folgen möchte, aber nicht kann. Man weiß, was zu tun wäre, doch gelingen muss es deshalb noch lange nicht. Auch das gehört wohl zur Natur und zum Leben des Menschen. Bei allem Streben nach Sinn, nach Vervollkommnung, nach dem Schönen, Wahren und Guten sollte man das Leben auch schlicht seiner selbst willen leben und lieben. Gleichsam wie Meister Eckart schrieb: „Wenn man das Leben fragte tausend Jahre lang: „Warum lebst Du?“ Wenn es überhaupt antwortete, würde es nur sagen: „Ich lebe, um zu leben!“ Das rührt daher, weil das Leben aus seinem eigenen Grunde lebt, aus seinem Eignen quillt; darum lebt es ohne ein Warum: es lebt nur sich selber! Und fragte man einen wahrhaftigen Menschen, einen, der aus seinem eigenen Grunde wirkt: „Warum wirkst du deine Werke?“ Wenn er recht antwortete, würde er auch nur sagen: „Ich wirke, um zu wirken.““

Alexander Schmahl

 

 
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