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Eröffnung der Abschlussfeierstunde am Sonntag, 22. Mai 2016, anlässlich des 3. Überregionalen Treffens freireligiöser und unitarischer Gemeinden im deutschsprachigen Raum (ÜRT) in der Frei-religiösen Gemeinde Offenbach, K. d. ö. R.

 

Über die Freie Religion  

Liebe Freundinnen und Freunde, verehrte Gäste, liebe Gemeinde,

eine freiheitliche bzw. freie Religion erkennt die gleichartigen Bestrebungen aller religiösen Denkweisen an, dem Menschen einen Lebenssinn und Lebensinhalt zu vermitteln. Aber sie lehnt die Unterwerfung unter eine Allmächtigkeit ab. Sie ist kritisch und frei, auch gegenüber sich selbst. Geistige Freiheit, menschliche Vernunft und großzügige Duldsamkeit sind Grundvoraussetzungen dieser Haltung.

Aufgrund dieser liberal-religiösen Haltung haben die Freireligiösen oftmals üble Erfahrungen gemacht mit der institutionalisierten Religiosität.

Diese besagten Erfahrungen waren bitter: Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 wurden die freireligiös geschlossenen Ehen annulliert, die Kinder galten als unehelich. Als z.B. in Baden der erste Hochschullehrer zum Deutschkatholizismus übertrat, Professor Schreiber von der Universität Freiburg, bat der Erzbischof Hermann von Vikari „...ersterbend in untertänigstem Gehorsam...“ den Großherzog, die neue Religionsgemeinde sofort zu verbieten. Als in Mannheim der Militärarzt Dr. Hammer zum Deutschkatholizismus übertrat, fragte man das Kriegsministerium, ob und welche Maßnahmen dagegen zu ergreifen seien, „...wiewohl gegen Dr. Hammer eigentlich vom Dienstlichen und Charakterlichen her nicht das Geringste einzuwenden...“ sei. Schreiber verlor seinen Lehrstuhl und Dr. Hammer erhielt ein Disziplinarverfahren.

Geradezu erheiternd ist zu lesen, dass 1914, weil die Zahl der freireligiösen Kinder, die nun von einem freireligiösen Pfarrer oder Prediger in der Schule unterrichtet werden sollten, sich verdoppelte, Hirtenbriefe in Speyer und Freiburg veröffentlicht wurden mit dem Hinweis, es hätte nun der „...Massenkindermord des 20. Jahrhunderts...“ begonnen.

Das sind natürlich heute erheiternde Zitate, die aber dennoch erklären, warum die Freireligiösen eine gewisse starke Abneigung und Überempfindlichkeit entwickelt haben, nicht gegenüber den einzelnen Gläubigen, wohl aber gegenüber den Funktionären, die kraft Amtes sprechen.

So schrieb 1846 der Historiker Georg Gottfried Gervinus, einer der Göttinger Sieben, der Mitglied der Deutschkatholischen Gemeinde in Heidelberg war: „...Uns geht es eher um die ethische Frage der praktischen Lebensbewältigung als um dogmatische Fragen, die doch nie befriedigend zu klären sind…“.

Das ist ein Dogma im weiten Sinne der Freireligiösen, könnte man fast sagen, dass wenn Gott nicht als Person vorgestellt wird, die Selbstverantwortung entstehen kann, die nicht auf Götter delegiert wird, sondern die Verantwortung für diesen Planeten selbst übernimmt. Die Freireligiösen wollen die Götter aus der Religion raushalten, das heißt, den Glauben an einen Gott als Person. Es sind freireligiöse Glaubensüberzeugungen, dass Gott und die Welt eines sind, dass Gott nicht der Schöpfer der Welt ist, sondern das Wesen der Welt, dass die Menschen nicht Kinder eines Vatergottes sind, sondern Erscheinungsweise dieser göttlichen Kraft, die sich im Menschen zum Bewusstsein ihrer selber drängt.

Wie sagte der frühere Kollege Dr. Eckhart Pilick sehr richtig: „Die Freireligiösen wollten keine neue Religion stiften, mit fertig fabrizierten Glaubensäußerungen. Sondern sie wollten sich trennen von den zu klein gewordenen Schuhen der christlich-römisch-katholischen Kirche. Das kann an unseren ausgetretenen Füßen gelegen haben, aber wir wissen, wenn die Schuhe zu eng werden, muss man sich von ihnen trennen, egal, ob man schon neue hat, selbst wenn die neuen anfangs noch drücken. Irgendwann fühlt man sich nicht mehr wohl und geborgen, in dieser Institution Kirche, und dann tritt man aus.“

Wir Freireligiösen haben also kein abgeschlossenes System und verzichten, jedenfalls bis heute, bewusst auf allgemeinverbindliche Glaubensvorschriften. Trotzdem gibt es mancherlei Glaubensüberzeugungen, ziemlich einfache, denn Religion hat nun mal mit Trivialem, mit Einfachem zu tun. Religion ist kein auf Wissen begründetes System, das uns Erkenntnisse vermitteln könnte, die wir nicht auch woanders her beziehen könnten. Religion hat es mit den trivialen Fragen zu tun: Wozu lebe ich?, hat zu tun mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. 'Trivial' also nicht abschätzig gemeint, sondern in der Bedeutung, dass es etwas ist, was nicht in Fachzeitschriften behandelt werden muss.

Pfarrer Heinrich Keipp

Deswegen erscheint Freie Religion natürlich den Außenstehenden oft als eine merkwürdige Mischung von Volkshochschule und esoterischer Freimaurerloge, und da ist ja auch oft was dran: Die Freireligiösen erscheinen oft so, dass sie den dogmatischen oder sagen wir orthodoxen Religionsanhängern religionslos vorkommen.

Albert Schweitzer hat einen Satz geschrieben, der bei uns im Religions- und Konfirmandenunterricht sinngemäß immer an erster Stelle steht: „Ich bin der Überzeugung, dass jede religiöse Wahrheit sich letztendlich auch als denknotwendige Wahrheit begreifen lassen muss.“. Wir verstehen den Satz so, dass wir vom Denken her notfalls sogar die religiöse Überzeugung revidieren müssen. Wir wollen also die Religion, und nur deswegen verdient sie in unseren Augen „frei“ genannt zu werden, offen halten für eine, durch das Denken, die Lebensumstände und die Lebenserfahrung veranlasste Überprüfung. Denn Religion gründet auf Erfahrungen und Erlebnissen, Religion ist kein Wissen. Die Identität einer Religionsgemeinschaft entsteht nicht unbedingt durch zum Dogma gewordenes Gedankengut. Es sind eher die gemeinsam zu bewältigenden Lebensprobleme, die Individuen zu einer Gemeinschaft zusammenschmelzen lassen.

Religion ist demnach ein positives Lebensgefühl auf dem Hintergrund der Not, des Unheils, auf dem Hintergrund der Tatsache, dass es Tod gibt, dass es Vergänglichkeit gibt, dass es Schuld gibt, kurz: Dinge, die mich, wie jede und jeder wissen wird, in meinem Lebensgefühl so stören und beeinträchtigen können, dass ich am Sinn meines Daseins zu zweifeln imstande bin. Dieses Zweifeln ist noch keine Religion, aber die positive Wende, die mich mein Leben wieder als sinnvoll erfahren lässt in dieser Welt, - ob nun durch die Hoffnung auf ein Jenseits, ob durch die Möglichkeit, sich aus dem Rad des Seins in das Nirwana entziehen zu können, durch gewisse Methoden, Techniken, Philosophien und Meditationen des achtfachen Wegs der Erleuchtung (wie im Buddhismus) oder durch das Einbeziehen des Menschen in die Natur, in diese Welt (wie im Pantheismus) – das sind alles nur verschiedene Bilder vermutlich ein und desselben Gefühls, ein und derselben Sehnsucht. Darum finde ich die Auseinandersetzung damit sehr wichtig, um hinter den Begriffen die uns allen gemeinsamen Sehnsüchte, Hoffnungen und Wünsche nach Selbstverwirklichung und der Wende zum Besseren zu erkennen.

Und das macht, trotz aller religiösen Renaissance, von der man heute spricht, trotz aller Veränderung, die Freireligiösen, was die Religion angeht, zu Außenseitern. Religion ist etwas für Außenseiter geworden. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist durch die weltliche Betrachtung nicht einholbar. Die Religion ist die Praxis, mit der der Mensch die Begebenheiten seines Lebens, die Zufälle, in Sinn verwandelt, in einen Handlungssinn umschmilzt und dann natürlich die Antwort geben kann, warum dies passiert und jenes nicht. Religion hat also eine Funktion der Versöhnung mit der Welt.

Es wird demnach deutlich, dass unser Religionsbegriff stark mit dem Anspruch auf eine praktische Veränderung des Diesseits verknüpft ist, dass wir einen Religionsbegriff ohne Jenseits haben und uns damit natürlich als Kinder der so oft belächelten, geschmähten, aber noch nie widerlegten Aufklärung erweisen. „Die wahre, alleinige Religion“ - so darf ich abschließend den Philosophen Immanuel Kant zitieren – „enthält nichts als Gesetze; das sind solche praktischen Prinzipien, deren unbedingter Notwendigkeit wir uns bewusst werden können, die wir also durch reine Vernunft, nicht empirisch offenbart, anerkennen.“

Pfr. Heinrich Keipp, Offenbach (nach Dr. Eckhart Pilick, Karlsruhe)

 

Wir glauben, dass im Menschen Anlagen für das Gute und das Böse vorhanden sind.

Wir glauben, dass durch eine ausgewogene Erziehung und ein intaktes Umfeld das Gute überwiegen wird.

Wir glauben, dass durch eine schlechte Erziehung und ein schlechtes Vorbild das Böse Vorrang erhalten kann.

Wir glauben, dass wir Verantwortung tragen für die Natur, die Gemeinschaft, unsere Mitmenschen und uns selbst.

Wir glauben, dass es möglich ist, Veränderung zu bewirken.

Wir glauben, dass der Mensch ständig auf der Suche ist nach dem Weg, der ihm sinnvoll erscheint.

Wir glauben, dass es kein Leben nach dem Tode gibt; wir leben im Hier und Jetzt.

Wir glauben, dass die Freie Religion dem Menschen Wegbereiter und Wegweiser zugleich ist.

Wir glauben an die Freiheit.

Wir glauben an die Liebe zueinander - wir sind frei-religiös.

Antje W. Glindemann

 
© 2016 Unitarische Freie Religionsgemeinde Frankfurt/Main