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Gedanken zum Weihnachtsfest

Alexander Schmahl

Immer wieder werde ich gefragt, warum wir Unitarier Weihachten feiern. Schließlich glauben wir nicht daran, dass zu dieser Zeit vor etwa 2000 Jahren ein Gott in Menschengestalt  auf Erden geboren wurde. Doch da sind wir nicht allein, denn so geht es mittlerweile auch vielen anderen Menschen in Deutschland. Es drängt sich daher die Frage auf, was den Kern dieses Festes heutzutage ausmacht. Ist es nicht so, dass Weihnachten ganz anderen Gesetzmäßigkeiten zu folgen scheint, als ausschließlich an die vermeintliche Geburt Jesu zu erinnern? 

Quo vadis, Weihnachten?

1960 waren etwa 95 % der Bevölkerung Deutschlands Christen und das Weihnachtsfest in seiner entsprechenden Auslegung wurde vermutlich von kaum jemandem in Frage gestellt. Heute ist das ganz anders. Ungefähr 40 % der Bevölkerung haben keinen christlichen Glauben, sind konfessionsfrei oder gehören einer anderen Religion an. Insofern hat das Weihnachtsfest als christliches Fest seine allgemeingültige gesamtgesellschaftliche Bedeutung weitgehend verloren – verglichen mit früheren Zeiten. Hinzu kommt, dass der christliche Gehalt und Inhalt von Weihnachten in unserer heutigen Gesellschaft zwar noch präsent ist, doch kaum noch eine große Rolle spielt. Es drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass selbst sehr viele Christen in Deutschland nur noch wenig mit der Bedeutung der Geburt desjenigen anfangen können, der für ihre Sünden gestorben sein soll und nach seiner Wiederkunft das Reich Gottes bereiten wird. Gewiss gilt dies nicht für alle Christen, doch gesamtgesellschaftlich hat diese Auslegung des Weihnachtsfestes enorm an Substanz verloren. Und doch feiern in Deutschland weit mehr Menschen Weihnachten, als es hierzulande Christen gibt. 

Weihnachten ist ein Fest, das kaum jemanden in unserer Gesellschaft kalt zu lassen scheint – über alle konfessionellen, weltanschaulichen und kulturellen Grenzen hinweg. Auch viele Mitglieder nicht-christlicher Religionen und Konfessionsfreie feiern hierzulande Weihnachten. Deshalb bringt dieses Fest die besten Voraussetzungen dafür mit, zumindest ein kleiner Bestandteil dessen zu sein, was alle Menschen in unserem Lande miteinander verbinden kann. Das ist wichtig, denn in einem Land, das die Freiheit jedes Einzelnen achtet und von großer Pluralität geprägt ist, sind verbindende Elemente notwendig. Weihnachten könnte eines dieser Elemente sein, auch wenn dazu Weihnachten neu gedacht werden müsste. Gewiss, eine solche Neugestaltung wird nicht irgendwo von irgendjemandem entschieden, sondern entwickelt sich aus einem kulturellen Prozess.  Sich jedoch aus den oben genannten Gründen Gedanken über dieses Fest jenseits des Christentums zu machen, ist sicherlich ein Anfang. Gleichzeitig muss der christliche Gehalt von Weihnachten ja nicht verschwinden. Die Christen können ja weiter die Geburt ihres Heilands feiern und ihre Traditionen pflegen. Doch was macht der Rest aus diesem Fest, immerhin gut 40 % der Bevölkerung? Ignorieren? Verlachen? Neu entdecken? Blicken wir erst einmal auf den Status quo.

Für viele ist Weihnachten vor allem ein Familienfest. Das ist ganz wunderbar und ein schöner Ansatz. Allerdings habe ich vor einiger Zeit eine Umfrage gelesen, nach der 50 % der Befragten in Weihnachten in erster Linie ein paar arbeitsfreie Tage sehen. Verschenktes Potential, wie ich meine. Oftmals wird Weihnachten auch als ein reines Konsumfest abgewertet. Also weniger ein Fest für die Menschen als für den Einzelhandel. Das ist ein Gedanke, der sicherlich einen wahren Kern hat, den ich jedoch gar nicht teilen mag, denn es muss aus einer Kritik immer auch das Konstruktive folgen. Allein zu meckern bringt niemandem etwas – abgesehen von schlechter Laune. Darüber hinaus ist immer wieder der Gedanke der stressigen Weihnachtszeit zu vernehmen. Auch das ist gut nachzuvollziehen und selbst eine unserer Religionsschülerinnen äußerte einmal diese Ansicht, was natürlich bedenklich ist, wenn schon die Kinder zu Weihnachten gestresst sind.

All dies sind jedoch nur einseitige Betrachtungen dieses Festes, denn die meisten Menschen in unserem Lande verbinden noch viel mehr Dinge mit diesem Fest. Horcht man in sich hinein und entdeckt, welche Assoziationen in einem aufsteigen, so hält man schnell einen ziemlich bunten Strauß in der Hand: Besinnlichkeit, Nachdenklichkeit, Ruhe, Stress, Familie, Freunde, Neubeginn, Werden und Vergehen, Kälte, Wärme, Licht, Wintersonnenwende, Dunkelheit, Gemütlichkeit, Behaglichkeit, Kitsch, Ärger, Liebe, Freude, Frieden, Menschlichkeit und Harmonie. Diese Reihe an Assoziationen ließe sich gewiss noch fortsetzen, doch zeigt sich schon daran, dieses Fest ist ganz und gar nicht inhaltsleer, auch ohne dessen christliche Interpretation oder kulturpessimistischen Zynismus. Vermutlich ist es auch deshalb nicht selten der Fall, dass eben auch Nichtreligiöse oder die Mitglieder nicht-christlicher Religionen gleichermaßen das Weihnachtsfest auf ihre Art begehen.

Noch einmal, es ist vor dem Hintergrund der religiös-weltanschaulichen Veränderungen und der Vielfalt in unserer Gesellschaft angebracht und wünschenswert, das Weihnachtsfest mit neuen Inhalten zu füllen. Dieser Gedanke mag vermutlich so manchen Christen missfallen, im Sinne davon, dass man mit dem Geburtstagsfest ihres Erlösers kein Schindluder treiben dürfe. Sehen Sie mir es bitte nach, dass ich bei diesem Punkt recht unbekümmert mit der christlichen Tradition umgehe. Zum einen ist der christliche Gehalt längst schon durchwässert mit allerlei „heidnischem“ Brauchtum und zum anderen haben die Christen selbst im 4. Jahrhundert den Geburtstag Jesu zwar strategisch klug, doch gänzlich willkürlich auf den 25. Dezember gelegt, dem Tag der römischen Feier für Sol Invictus, dem „unbesiegten Sonnengott“, und so für Ihre Zwecke uminterpretiert. Sei es allen Menschen daher unbenommen, die Weihnachtszeit nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Für uns Unitarier ist die Umdeutung des Weihnachtsfestes und seiner Symbolik allerdings nicht neu. Clemens Taesler, Pfarrer der Gemeinde von 1917 bis 1962, suchte selbst nach einer anderen Deutung. Er schrieb: „Weihnachten als das Fest des Wunders, dass einmal und übernatürlich Gott in Jesus Christus Mensch geworden sei, um die Menschheit aus der Gewalt der Erbsünde und des Teufels durch sein Blutopfer zu befreien, wandelt sich für uns freie religiöse Menschen in das Fest der Idee des göttlichen Menschen. Es ist das Fest des Glaubens an den Funken des ewigen geistigen Lichts im Menschen, der in uns zur Flamme werden soll, damit unser Lebenswandel frei von niederer Ichsucht, wahrhaft edel-menschlich, sinnbildlich ausgedrückt: göttlich werde. Dem ewigen Heiland des Gottlichts in uns ist das Fest der Weihnachten geweiht, das mit seinem Glanz und seinen Kerzen in alle Herzen strahlen soll, damit das Gute, Wahre, Schöne und Göttliche, damit Freude, Liebe und Frieden auf Erden erblühen. Es ist zu wenig Freude, weil zu wenig Liebe in der Welt. Der Sinn der Weihnacht ist derselbe wie der des Lebens überhaupt: glückliche Augen schaffen!“

Insofern wäre Weihnachten das Fest der Bewusstwerdung dieses göttlichen Funkens, des geistigen Lichts im Menschen, als ein Symbol für die Fähigkeit des Menschen, nach Höherem zu streben und Gutes bewirken zu können. Ja, dies ist gewiss nach wie vor eine mögliche tiefe Bedeutung dieses Festes, insbesondere in der Tradition unserer Religionsgemeinde. Überdies bietet unsere Gemeinde bekanntlich Raum für ganz unterschiedliche Menschen und Vorstellungen und ich weiß, dass manche Mitglieder in erster Linie die Weihnachtsbedeutung in der Wintersonnenwende sehen. Es geht hierbei natürlich weniger um diese selbst, als vielmehr um ihre Symbolkraft: das aufsteigende Licht der Vernunft, das Licht als Symbol des wiederkehrenden Lebens, der Sieg des Lichts über die Dunkelheit und vieles mehr. Darauf geht Weihnachten ursprünglich zurück, denn die Geburt des Lichtes inmitten der Dunkelheit wurde seit jeher von den unterschiedlichsten Kulturen während der Zeit der Wintersonnenwende gefeiert. Wir alle erleben es, das Licht erhält gerade in dieser Jahreszeit eine besondere Bedeutung. Die Sonne beginnt neue Kraft zu entwickeln, das Vergehen des Daseins wandelt sich zum Werden und auch wir dürsten Ende Dezember oftmals regelrecht nach mehr Licht. Dann verstehen wir, warum Licht Leben bedeutet.

 

Der Weihnachtsbaum

Weihnachten ohne einen solchen oder auch anderen sinnbildlichen Gehalt wäre inhaltsleer und tatsächlich ein reines Konsumfest. Insofern ist die kulturhistorische, geistige und emotionale Bedeutung des Weihnachtsfestes nicht ohne seine Symbolik zu denken. Das gilt für die christliche Symbolik – unabhängig davon, ob man sich diese zu Eigen machen möchte oder nicht -, und auch für diejenigen Bilder und Gebräuche, die überkonfessionell oder weltanschaulich neutral sind. Und oft gibt es für verschiedene Symbole unterschiedliche Lesarten. Auch hier ist Raum für neue Sinngebung, beispielsweise für den Weihnachtsbaum.

Ohne diesen mit Kerzen, Weihnachtsschmuck und Süßigkeiten verzierten Tannen- oder Fichtenbaum, möchten sich heute die meisten Menschen wohl kaum eine Weihnachtsfeier denken. Und doch ist die Sitte des Lichterbaums ein recht junger Brauch. Die ersten sicheren Nachrichten über ihn stammen vom Beginn des 17. Jahrhunderts und weisen auf die Gegend von Straßburg hin. Seine weitere Herkunft ist dunkel. Vermutlich vereinigte sich in dem Lichterbaum die Sitte der alten Nordeuropäer, zu den zwölf geweihten Nächten ihres Julfestes ihr Heim mit dem Grün des Nadelbaums oder der Mistel zu schmücken, mit der Tradition der Juden zu ihrem Tempel-Weihefest Chanukka Kerzen zu entzünden und der Geburt des römischen Sonnengottes beim Wintersonnwendfest. Zwar wird der Weihnachtsbaum auch als Nikolausbaum oder Christbaum bezeichnet, doch fällt auch dies in die Kategorie der Uminterpretation durch das Christentum. Lange Zeit wurde der Brauch des Lichterbaums von der katholischen und evangelischen Geistlichkeit in Deutschland gar als „unchristlich" abgewertet.

Wie auch immer, die meisten Menschen in Deutschland wollen diesen Baum nicht missen. Goethe schrieb übrigens in einem Gedicht folgende Zeilen über den Weihnachtsbaum:

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend -
Solch ein Fest ist uns bescheret.
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und Her und immer wieder
Ja, dieser Baum gehört zum Fest dazu. Seine Symbolik ist vielfältig, vom Paradiesbaum bis zu einem Sinnbild für die Ewigkeit. Mir persönlich gefällt Letztgenanntes besonders gut, denn der Baum selbst ist ein Immergrün, ein symbolisch Ewiges im Kreislauf des Werdens und Vergehens. Während die Kerzen, die herniederbrennen, als Symbol des Lebens, aber auch der Vergänglichkeit gedeutet werden könnten, ist der Baum selbst ein Sinnbild für das, was alles überdauert, was tiefer geht als die Vergänglichkeit. Ein Symbol für das ewig Geistige, für die Natur, für die Harmonie des Seins. Und könnten nicht die Weihnachtsbaumkugeln als Symbole der leuchtenden Sterne stehen, Sinnbilder für das unbeschreibliche Universum, dessen Teil wir sind? In diesem Sinne möchte ich mich den Worten Dr. Herbert Todts, Pfarrer der Gemeinde von 1964 bis 1975, anschließen, der Ende der 60er Jahre schrieb: „…unser Baum ist als Lebensbaum, als Weltenbaum, Sinnbild des Kosmos. Wir holen ihn uns herein in unser Haus als Sinnbild der Ewigkeit, die gerade in den Tagen der Weihnacht in unsere Herzen einbricht.“

 

Der widersprüchliche Mensch

Nachdem ich diese Stelle im Text gelesen hatte, wollte ich es eigentlich bei diesem Zitat belassen, doch was in dem Beitrag von 1968 folgte, ließ mich auch im Hinblick auf die gegenwärtige Situation nicht unberührt, so dass ich kurz abschweifen und als Intermezzo einem ganz anderen Gedanken Raum geben möchte. Herbert Todt sprach weiter von der Unendlichkeit des Universums und verband diese Gedanken mit dem damaligen Zeitgeschehen, indem er vom menschlichen Aufbruch ins All sprach. Schließlich flog der Mensch im folgenden Jahr das erste Mal zum Mond und Herbert Todt zeigte sich sehr beeindruckt von den drei Astronauten, die stellvertretend für uns alle, für die ganze Menschheit in diesen Stunden, wie er schrieb, erstmals in der Geschichte des Menschengeschlechts im Weltall schweben sollten. Man erkennt Herbert Todts Ergriffenheit ob dieser großen Menschheitsleistung, doch er fährt fort: „Diese Großtat des menschlichen Geistes steht im krassen Gegensatz zu den zehntausenden von Toten, die in sinnlosen Brüderkämpfen in Afrika zu beklagen sind, und auch zu den brutalen Grausamkeiten des Vietnamkrieges oder den aus dem Hinterhalt erschossenen Akteuren des Rassenkampfes der Amerikaner – sie zeigen auf der anderen Seite ein Bild des Jammers und der seelischen Ohnmacht des Menschen. Wenn wir für dieses Jahr Bilanz ziehen, stehen dem gewaltigen Fortschritt des menschlichen Geistes große Bilder des Jammers gegenüber, jeweils von Menschen hervorgerufen.“

Vermutlich geht es Ihnen wie mir, es hat den Anschein, es habe sich auf der Welt nichts verändert, allein die geistigen Fortschritte sind andere und die Kriege und Unmenschlichkeiten finden an anderen Orten statt. Krieg und Leid scheinen immerwährende Begleiter in der Menschheitsgeschichte zu sein, was uns allen in diesen Tagen allzu bewusst wird.

Nun, es ist nicht ganz leicht, von diesen Gedanken zurück zum Weihnachtsfest zu finden. Ja, es ist ein Fest des Friedens und obgleich es im Angesicht des weltweiten Leids  ein wenig wie ein hilfloser Versuch wirkt, Frieden und Liebe zu beschwören, soll uns dies doch von größter Bedeutung sein. Denn die Alternative wäre es, nicht an Liebe und Frieden zu erinnern, nicht daran festzuhalten, dass der Mensch fähig ist, in Anerkennung und Verbundenheit zu seinen Mitmenschen zu stehen - das wäre keineswegs besser.

Auch die Widersprüchlichkeit des Menschen  könnte in die Bedeutung des Weihnachtsfestes einfließen und so zum Fest des wahren Menschseins werden. Man könnte aufzeigen, dass der Mensch zu tiefer Liebe fähig ist, aber auch zu tiefem Hass – und allem, was dazwischen liegt. So haben nicht nur die friedvollen, nicht nur die lichterfüllten, nein, auch die dunklen Seiten des Menschseins ihren Platz. Liebe und Frieden können letztlich nur gedeihen, wenn es dem Menschen gelingt, sich seiner Abgründe bewusst zu werden.

 

Weihnachten erspüren

Welche Bedeutung man auch immer dem Weihnachtsfest beimisst, vor allem sollte ein „neues“ Weihnachten niemanden, aus welchen Gründen auch immer, ausschließen. Doch eine allgemeingültige Bedeutung zu finden, ist nicht leicht – zumal diese natürlich nicht am Reißbrett entstehen kann. Vielleicht ist das aber auch gar nicht der erste Schritt, sondern die vielen möglichen Deutungen erst einmal für sich selbst zu erspüren. Ich meine damit die Gefühlswelten, die jeder mit diesen besonderen Tagen verbindet. Hierin liegt wohl nicht die Bedeutung von Weihnachten, wohl aber dessen Kraft.

All die Symbole, Sinnbilder und Bedeutungen entfalten nämlich erst ihren Gehalt, wenn wir diese nicht nur geistig, sondern auch gefühlsmäßig erfahren. Ist nicht all das, was ich angeführt habe, ohne Substanz, spüren wir dies nicht in unseren Gefühlen nach? Das Universum, die ganze unbeschreibliche Welt um uns herum, die Menschlichkeit, der Zusammenhalt von Familien und Freunden werden erst dann lebendig und fruchtbar, wenn wir sie zu einem Teil nicht nur unserer Gedankenwelt, sondern auch Gefühlswelt werden lassen. Und um die Abstraktion zu verlassen und zum Augenscheinlichen des Weihnachtsfestes zurückzukehren: Ist es denn nicht so, dass all der Lichterglanz, die wunderbaren Düfte, die Rituale der Bescherung, des Essens, der Familienzusammenkünfte nicht vor allem durch unsere Gefühle Geltung erhalten? Das alles macht doch etwas tief in uns. Gut, manchmal kann man sich über allzu kitschige Lichterkettenarrangements, nervige Weihnachtslieder, überfüllte Weihnachtsmärkte oder Plastikweihnachtsmänner ärgern, doch das meine ich nicht. Es geht vielmehr darum, was passiert, wenn wir in einer ruhigen Minute - die ich jedem von Ihnen in dieser manchmal anstrengenden und besorgniserregenden Zeit von Herzen gönne -, die Kälte und Dunkelheit vor der Tür lassen, weihnachtliche Gerüche wahrnehmen und die besondere Lichtstimmung in unsere Herzen lassen. Gelingt einem dies, entstehen in uns Gefühle, die im Jahresverlauf einzigartig sind. Dies ist doch eine sehr intensive Erfahrung, die vermutlich jeder von uns kennt, jedoch nur schwer zu beschreiben ist.

Manchmal sind solche weihnachtlichen Gefühle, die in uns entstehen, stark an die Erinnerungen geknüpft, die wir von früheren Weihnachtsfesten besitzen. Zwar sind diese natürlich so verschieden, wie die Menschen selbst, doch ist es nicht bemerkenswert, dass vermutlich jeder allerlei Weihnachtserinnerungen in sich trägt, die in uns jedes Jahr erneut aufzukeimen scheinen. Auch hier zeigt sich das Fest eines wahren Menschseins, dem man vielleicht durch Zynismus entfliehen kann, nicht aber, wenn wir Kitsch und Kommerz beiseitelassen und versuchen, mit unseren Herzen die Tiefe dieses Lichterfestes zu erspüren.

Verstehen Sie mich bitte richtig, ich möchte solche Erfahrungen und den Zauber der Weihnacht nicht überhöhen, doch schadet es sicher nichts, dem Primat der Vernunft in unserer Zeit zumindest ab und an einen kleinen Stich zu versetzen. Allerdings muss eine Romantisierung des Weihnachtsfestes auch deshalb wohl dosiert sein, da es ebenso leidvolle Erfahrungen während der Weihnachtszeit gibt, die gleichermaßen intensiv erlebt werden können. Im Kosmos der menschlichen Gefühlswelt in dieser Jahreszeit können sich gerade inmitten des festlichen Rausches auch Gefühle der Einsamkeit und der Trostlosigkeit Raum nehmen. Und so möchte ich – jenseits aller Überlegungen zu der Bedeutung des Weihnachtsfestes - meine Gedanken beschließen, durch das Denken an und Mitfühlen mit all denjenigen, denen aus welchen Gründe auch immer ein schönes und fröhliches Weihnachtsfest nicht vergönnt ist. Möge sich jeder von uns überlegen, ob er Möglichkeiten besitzt, das Leben anderer Menschen zu bereichern. Mag es durch nette Worte oder gute Taten sein. Oder um es in einer Abwandlung der Worte Clemens Taeslers zu sagen: Der Sinn von Weihnachten ist derselbe wie der des Lebens überhaupt: Aus traurigen Augen glückliche Augen zu schaffen!

Alexander Schmahl

 

 
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