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Vom Wert der Gemeinschaft

Alexander Schmahl

Das Individuum in der Gemeinschaft

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Es ist eine natürliche Anlage des Menschen, den Zusammenhalt mit anderen zu erstreben und zu erhalten. Das war insbesondere für den frühzeitlichen Menschen überlebenswichtig. Wer außerhalb seiner Sippe stand, war dem Tode geweiht und noch im Mittelalter galt es als besonders strenge Strafe, Menschen aus der Gemeinschaft auszuschließen oder innerhalb der Gemeinschaft zu ächten. Wer buchstäblich öffentlich an den Pranger gestellt wurde, für den war ein unbeschwertes Weiterleben kaum oder gar nicht mehr möglich. Die Gemeinschaft verlassen zu müssen, vielleicht gar als vogelfrei erklärt zu werden, kam nicht selten der Todesstrafe gleich. Im Umkehrschluss wurden und werden Gemeinschaften mit Sicherheit, Solidarität und Unterstützung verbunden.

Was man als Gemeinschaft begreift, kann jedoch ganz unterschiedlich sein: von der Lebensgemeinschaft über die Familie und den Freundeskreis, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, Vereine, aber auch die Bürger einer Stadt oder eines Landes bis hin zur Weltgemeinschaft aller Menschen. So oder so, alle Menschen wissen meist intuitiv, im Alleingang kann das Leben nicht gelingen. Es gilt der Satz: „Ein Mensch ist kein Mensch“. Mensch zu sein, beginnt in diesem Sinne erst in gemeinschaftlicher Verbundenheit. Wir sind darauf angewiesen, uns selbst zu erkennen und zu verstehen, damit wir den Anforderungen des Lebens gerecht werden können. Nur so können die Fähigkeiten und Anlagen, die dem Menschen gegeben sind, zur Blüte gebracht werden und dazu bedarf es eines Widerhalls, der ohne die anderen Menschen nicht vernehmbar ist. Der Klang dieses Echos zeigt uns, wer wir sind und was wir sein könnten. So ist auch das aus dieser Selbsterkenntnis entstehende Selbstwertgefühl des Menschen entscheidend von den Beziehungen zu anderen, mit denen man sich gemeinschaftlich verbunden fühlt, abhängig. Dazu gehört einerseits, für andere da zu sein, und andererseits, das Vertrauen zu besitzen, dass andere einem selbst zur Seite stehen. Das ist etwas, das den Menschen innerlich lächeln lässt, das Stärke und Zuversicht im Leben gibt. Dies ist auch das Fundament, das uns befähigt, unseren Unsicherheiten und Ängsten zu begegnen. Das weiß jeder, der versucht hat, Lebenskrisen alleine zu bewältigen. Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit können sich dann schnell breit machen. Erst im vertrauensvollen Miteinander können Wege entdeckt und beschritten werden, die es ermöglichen, zu sich selbst zu finden. Im luftleeren Raum sozialer Isolation entsteht ein menschliches, seelisches und geistiges Vakuum. Menschen werden gar krank, wenn sie ohne Bindungen leben. Ausnahmen bestätigen die Regel.

In Gemeinschaft zu sein, bedeutet aber auch, sich selbst zurücknehmen zu können. Das ist womöglich ein eher unpopulärer Gedanke, doch geht es dabei gewiss nicht um eine Selbstaufgabe.  Johann Gottfried Herder schrieb:

"Vergiss Dein Ich, dich selbst verliere nie!
Was in den Herzen anderer von uns lebt,
ist unser wahrstes und tiefstes Selbst!“

Im Sinne Herders sollte der Mensch die Verbindung mit anderen anstreben, sich selbst zurücknehmen, aber sich gleichzeitig vor der Selbstaufgabe hüten. Insofern gilt es, sich seiner Einzigartigkeit, Selbstbestimmtheit und individuellen Freiheit bewusst zu sein und doch zu verstehen, dass diese Werte erst durch die Verbindung mit anderen Menschen fruchtbar werden können.

Letztlich geht es darum, sein Wesen, seine Sicht der Dinge sorgsam und einfühlsam am Wesen anderer auszutarieren, um sich seiner selbst und der Mitwelt bewusst zu werden und in sein Handeln und Denken stets die Mitmenschen einzubeziehen. Dies ist eine Lebenslektion, die von klein auf erlernt sein muss. Niemand möchte mit Menschen zu tun haben, die diese Lektion übersprungen haben. Zu entdecken, dass man selbst nicht der Nabel der Welt ist, ist ein fundamentaler Baustein eines reflektierten, aufgeklärten Menschseins und eines Gemeinwesens, das von Mitmenschlichkeit geprägt ist. Daraus resultierend entsteht eine Mitwelt, die dem Individuum den Raum geben kann, den es für seine freie Entfaltung benötigt. Wir Menschen lernen dies im sozialen Umgang selbst, aber insbesondere in Gemeinschaften von Menschen, mit denen wir unsere Weltsicht und Lebensperspektiven teilen können. So kann sich eine Melange aus Vertrauen, Anerkennung, Aufgehobensein und Selbstbewusstsein entwickeln.

Bedrohliche Gemeinschaft

Jedoch werden Gemeinschaften an sich oftmals kritisch gesehen, denn Gemeinschaft ist kein Wert an sich, sondern kann durchaus Schattenseiten besitzen. Stark ist heute das Bewusstsein – gerade hierzulande - von beengenden Gemeinschaften, mögen diese gesellschaftlicher, politischer oder religiöser Natur sein. Die Skepsis ist nachvollziehbar, denn Geschichte und Gegenwart liefern viele Beispiele dafür, wie Gemeinschaft als Instrument der Abschottung, Kontrolle und Intoleranz missbraucht werden kann. Eine in sich abgeschlossene Gemeinschaft kann dazu führen, dass diejenigen, die nicht zu dieser gehören, als weniger wert betrachtet werden. Indem die eigenen Inhalte und Vorstellungen über die anderer gestellt werden, fördert dies Intoleranz und Abgrenzung, was in letzter Konsequenz gar eine Entmenschlichung aller nicht zu der Gemeinschaft gehörenden Menschen zur Folge haben kann. Oftmals gehen solche gemeinschaftlichen Strukturen gleichzeitig mit der Unterordnung ihrer Mitglieder unter die Regeln und Inhalte der Gemeinschaft einher. In solchen Verbindungen werden Abweichungen nicht zugelassen, so dass ein starker sozialer Druck entsteht, der gar zur Selbstaufgabe des Einzelnen führen kann. Hier zählt der Einzelne nichts, die Gemeinschaft alles. Gerade bei Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, aber auch bei politischen Bewegungen ist und war dies nicht selten der Fall.

Werte und Gemeinschaft

Ein solches Wissen über die Schattenseiten von Gemeinschaften und eventuelle Erfahrungen damit sind es unter anderem, warum sich der moderne Mensch mit Gemeinschaften so schwer tut. Hinzu kommt noch, dass zumindest hierzulande, anders als in früheren Zeiten, kaum existenzielle Fragen an die gemeinschaftliche Zugehörigkeit geknüpft sind. Eine daraus resultierende Entwicklung innerhalb unserer Gesellschaft ist, dass viele Menschen vielmehr damit beschäftigt sind, den vermeintlichen Zwängen beengender Gemeinschaften zu entkommen, und dabei übersehen, dass viele ihrer Lebensprobleme heute nicht mehr von einem Zuviel an Gemeinschaft ausgehen, sondern deren Ursache im Verlust gemeinschaftlicher Bindung zu suchen ist. Damit sind auch eine Ortlosigkeit und Unverbindlichkeit zum Beispiel ethisch-moralischer Standards verbunden. Hegel sagte einst: „Die Werte des Sittlichen haben in der Gemeinschaft ihren konkreten Sitz im Leben, sie werden dort gelernt und gelebt.“  Ja, Fragen der Ethik, des guten Miteinanders können niemals allein, sondern immer nur gemeinschaftlich erörtert werden – das liegt in der Natur der Sache. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass Menschen, die keiner derartigen Gemeinschaft angehören, nicht zwangsläufig ethisch-moralisch verrohen. Doch gerade die Reflexion über solche Themen innerhalb einer Gemeinschaft schärft das Bewusstsein für die Herausforderungen im Zwischenmenschlichen. Dies ist gerade in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unsrigen von hohem Wert. Auch in unserer Gemeinde sind daher Fragen nach einem gelungenen Miteinander von großer Wichtigkeit, wobei es keinesfalls darum gehen darf, einen unabänderlichen ethisch-moralischen Verhaltenskatalog aufzustellen, sondern ohne Bevormundung eine Sensibilität für andere Menschen und deren Eigenheiten zu erzeugen.

 

Sinn und Gemeinschaft

Darüber hinaus war und ist eine der Kernaufgaben unserer Gemeinde, dem Menschen auch Orientierung in seinem Welterleben und Welterkunden zu geben, ohne dabei sein Wesen in seiner Entfaltung zu beschränken. Nicht zuletzt ist damit auch die Frage nach dem Lebenssinn verbunden. In einer vor ein paar Jahren durchgeführten Umfrage zum Thema „Was glauben die Hessen“ gaben 70% der Befragten an, den Sinn im Leben müsse jeder für sich selbst suchen und finden. Das ist nachzuvollziehen, doch wie soll man das bewerkstelligen? Die erfolgreiche Suche nach dem Lebenssinn ist an bestimmte Voraussetzungen gebunden: Eine entscheidende Bedingung ist, zu versuchen, die Einzeldinge des Lebens zusammenzufügen. Denn Sinn ergibt sich letztlich nur aus der Verbindung dessen, was auf den ersten Blick für sich allein steht.

Sich treiben zu lassen, die Aufmerksamkeit mal hierauf, mal darauf zu lenken, einzig dem Gemüt zu folgen, dem, was den nächsten Höhepunkt verspricht, kann insofern zu einem Trudeln durch eine Welt ohne Sinnerfahrung führen. Werden geistige, seelische und soziale Aspekte des Lebens fragmentarisch und flüchtig gelebt und erlebt, kann sich der Einzelne einen übergeordneten Sinn kaum erschließen. Die Auflösung von beständigen Zusammenhängen - dazu gehören auch gemeinschaftliche - ist insofern eine Auflösung von Sinn. Vielmehr ist es erforderlich, das eigene Leben in einen größeren Zusammenhang zu stellen und so zu einem Gesamtwerk zu formen. Dafür sind gewiss Geduld, Besonnenheit, Reflexion, aber auch Bindung im Miteinander förderlich. Im besten Falle entstehen dadurch Vertrauen in die Mitwelt und das Gefühl des harmonischen Aufgehobenseins, was mit Sinnerfahrung einhergeht.

Freie Religion und Gemeinschaft

Blickt man auf unsere Gemeinde und diejenigen des freireligiösen und unitarischen Spektrums, so war die Loslösung von Zwängen und die Ablehnung von religiöser, weltanschaulicher und politischer Intoleranz im Bewusstsein der individuellen Freiheit, Würde und Selbstentfaltung aller Menschen ein wesentlicher Ausgangspunkt für die Gründung dieser Gemeinschaften im 19. Jahrhundert. Doch wie bereits erwähnt, benötigt gerade freie Entfaltung einen Bezugspunkt, einen Kontext, einen Rahmen, damit sich der Mensch in seinem Streben nach Selbsterkenntnis und freier Lebensführung nicht im Wust der unerschöpflichen Möglichkeiten selbst verliert. In diesem Sinne ist für uns Freiheit und Gemeinschaft ganz und gar kein Widerspruch. Es gilt weder die Gleichung „Gemeinschaft gut – Individuum schlecht“ noch „Individuum gut – Gemeinschaft schlecht“. Nein, der Wert einer Gemeinschaft, die sowohl sich selbst als auch den einzelnen Menschen dienlich ist, bestimmt sich letztlich in der Gratwanderung von Bindungskraft einerseits und dem Zugeständnis von Freiheit andererseits – letzteres unbedingt auch für diejenigen, die nicht der Gemeinschaft angehören.

Sowohl die Freiheit des Einzelnen zu wahren, als auch die Kraft des Miteinanders zu nutzen sind daher seit unseren Gründungstagen ein Anspruch, der Kernbestandteil der freien Religion und ihrer Institutionen ist. Gemeinschaft als Bindung in Freiheit zu verstehen, ist zudem heute sicherlich die einzige Gemeinschaftsform, die dem modernen Leben Rechnung trägt. Langsam scheinen dies auch die großen Religionsgemeinschaften zu erkennen und bemühen sich um ein neues Selbstverständnis im Verhältnis von Mensch, Religion und Institution, das für die Gemeinschaften aus dem freireligiösen und unitarischen Spektrum schon seit jeher wesenhaft ist.

In der Unitarischen Freien Religionsgemeinde wird daher die Formel „Einheit in der Vielheit“ schon seit Anbeginn gelebt und ist nicht nur ein modernes, dem Zeitgeist geschuldetes Lippenbekenntnis. Die Vielheit leben wir, da die Freiheit jedes Einzelnen einen Wert an sich in unserer Gemeinde darstellt. Die Einheit entsteht zum Beispiel durch die vielfältigen geistesgeschichtlichen Traditionen, denen wir uns verbunden fühlen, und insbesondere durch die daran gebundenen Werte der Geistes-, Glaubens- und Gewissensfreiheit, der Achtung der Würde des Menschen, der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und der Ehrfurcht vor dem, was über, unter und neben uns ist. Ich glaube, das haben die Mitglieder unserer Gemeinschaft verinnerlicht, so dass selbst unterschiedliche Weltsichten und religiöse Ansichten innerhalb der Gemeinde ohne Zwietracht nebeneinander, ja sogar miteinander, existieren können. Denn das, was uns verbindet, ist sehr viel stärker als das Trennende.

Ich vermute, das ist es unter anderem, was auch bei Mitgliedern, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in die Gemeinde kommen können oder wollen, ein Gefühl der Zugehörigkeit, ein Gefühl des Seite-an-Seite-Stehens entstehen lässt: Die Teilhabe an einer Gemeinschaft, in der persönliche Freiheit und gemeinschaftliche Verbundenheit eine zwar stets herausfordernde, aber doch starke Liaison eingehen. Und für diejenigen Mitglieder, die aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, sind es darüber hinaus – trotz aller möglichen Unterschiede - nicht zuletzt auch die persönlichen Zusammenkünfte, Gespräche und Veranstaltungen, die das Gefühl der Einheit, der Gemeinschaft stärken.

Und je mehr ich mich mit unserer Gemeinde, ihrer Geschichte, ihren geistigen und religiösen Hintergründen und Entwicklungen sowie dem Verhältnis von Gemeinschaft und Mensch beschäftige, desto häufiger begegnet mir ein Aspekt, der meines Erachtens sowohl für unsere Mitglieder als auch für unsere Gemeinde als Institution bezeichnend ist und ohne den Freiheit in Gemeinschaft nicht möglich ist: Offenheit. Offenheit dafür, was neu ist, was anders ist. Offenheit auch dafür, was unserem Weg vielleicht widerspricht. In diesem Sinne sind die Gemeinschaften freier Religion nicht in sich geschlossen, sondern durchlässig, wobei dies nicht nur eine Folge unserer Wertvorstellungen ist, sondern selbst einen Wert innerhalb unserer Gemeinschaft darstellt. Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften haben die Wahl, entweder tendenziell oder absolut ihre geistigen Leitlinien in Abgrenzung zu allen anderen Menschen zu entwickeln oder den Menschen als Menschen die Hand zu reichen. Letzteres haben wir immer versucht und so konnte das Verbindende unserer Gemeinschaften niemals zu einem Ausschließlichen werden. Es entspricht vielmehr unseren Grundsätzen, auf die Gemeinsamkeiten der Menschen zu schauen als auf ihre Unterschiede. Denn hinter all den unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Perspektiven, hinter all den oftmals unverständlichen Taten und Vorstellungen der Menschen und ihrer Gemeinschaften findet sich immer der gemeinsame Kern des Menschseins. Ist dies der Ausgangspunkt des Denkens und Handelns, so ist - bei allen notwendigen geistigen Auseinandersetzungen - das gemeinschaftliche Streben nach Frieden und Menschlichkeit zumindest möglich.

Ich will den Wert von Gemeinschaften, auch der unsrigen, nicht überhöhen. Und doch leistet unsere Gemeinde seit 170 Jahren einen zwar kleinen, aber wichtigen Beitrag dazu, wie Religionsgemeinschaften einen friedlichen, toleranten, aufgeklärten und humanistischen Weg im besten Sinne beschreiten können: Mögen wir mit unseren bescheidenen Wirkkräften stets unseren Weg weitergehen, so dass jeder Mensch, jedes Mitglied und jeder Gast in unserer Gemeinschaft sagen kann: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.“

Alexander Schmahl

 

 
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