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Zweites Überregionales Treffen freireligiöser und unitarischer Gemeinden – ein Rückblick

Alexander Schmahl

Lange hatten wir es geplant und vorbereitet und am 27. Februar war es endlich so weit: Unsere Gemeinde öffnete ihre Türen für das zweite Überregionale Treffen freireligiöser und unitarischer Gemeinden. Die Erwartungen waren hoch, die Anspannung groß, schließlich veranstaltet man ein solches Treffen nicht alle Tage. Allerdings, um es vorwegzunehmen, wurden die Erwartungen erfüllt und die Anspannung war unbegründet.

Etwa 60 Mitglieder freireligiöser und unitarischer Gemeinden von der Schweiz bis Lübeck hatten sich für das Treffen angemeldet. Nach einem ungezwungenen Kennenlernen am Freitagnachmittag eröffneten Pascal Schilling, pfarramtlicher Mitarbeiter der Frei-religiösen Gemeinde Offenbach, und ich mit einer Feierstunde am Abend das Treffen. Die Feierstunde eröffnete ich mit folgenden Worten:

Mögen wir uns in den kommenden Tagen stets mit offenen, deutlichen, aber immer respektvollen Worten begegnen.
Mögen wir durch unsere Begegnungen neue Erkenntnisse erlangen und eigene Ansichten hinterfragen. Vielleicht tun sich neue Horizonte in unseren Köpfen und Herzen auf – denn freie Religion darf niemals stillstehen.
Mögen wir tiefe geistige, seelische und emotionale Erfahrungen machen, um so ein klareres Bild von uns selbst, von unseren Mitmenschen und unseren Gemeinschaften zu gewinnen. Möge es uns gelingen, bei allen vermeintlichen Unterschieden selbstdenkender und freier Menschen, das Gemeinsame zu entdecken. Das, was uns wesenhaft verbindet, so dass sich jeder von uns als einen einzigartigen Teil einer einzigartigen Bewegung wahrnehmen und das Individuelle mit dem Gemeinschaftlichen verbunden werden kann. Ich hoffe, dass Sie diese Wünsche mit mir teilen, und um den Wünschen Gestalt zu verleihen bitte ich jeden, der möchte, ein Teelicht zu entzünden und es auf die Treppenstufen zu stellen. Möge dann die Gesamtheit des erscheinenden Lichts als Symbol des Miteinanders, der Menschlichkeit, des Strebens nach Erkenntnis und der Geistes-, Glaubens- und Gewissensfreiheit erstrahlen.“

Die nachfolgend aufgestellten Teelichter sorgten für eine stimmungsvolle Atmosphäre in der Weihehalle. Pascal Schilling hielt eine interessante Ansprache über „Glauben und Zweifeln“, ein Thema, das auch am kommenden Tag eine Rolle spielen sollte. Für die Musik sorgte die Musikpädagogin Larisa Vishnya am Flügel, die in der letzten Zeit immer mal wieder Veranstaltungen in der Gemeinde musikalisch begleitete.

Im Anschluss an die Feierstunde wurde im Gemeindesaal gemeinsam gegessen und man konnte recht schnell erkennen, dass es keinerlei Berührungsängste zwischen den Mitgliedern der verschiedenen Gemeinden gab. Obwohl die meisten Anwesenden zum ersten Mal einander begegneten, herrschte sogleich ein Gefühl der Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander.

Der Samstag war von Arbeitskreisen zu ganz unterschiedlichen Themen geprägt. Ein wunderbarer Einstieg war der Gesangskreis. Trotz so mancher Vorbehalte der „Nicht-Sänger“ kamen viele TeilnehmerInnen zusammen, die verschiedene Lieder probten, welche am kommenden Tag bei der Abschlussfeierstunde gesungen werden sollten. Ich glaube, selbst die Gesangsmuffel kamen auf ihre Kosten. Nach diesem gemeinsamen Gesangserlebnis teilten sich alle in Gruppen auf, um an den Arbeitskreisen teilzunehmen. Damit die TeilnehmerInnen möglichst jeden gewünschten Arbeitskreis belegen konnten, wurden diese parallel und jeweils zweimal angeboten.

Im Zentrum des Arbeitskreises „Belastete Begriffe“ standen Begrifflichkeiten, die im freireligiösen und unitarischen Spektrum immer wieder für Diskussionsstoff sorgen. Die TeilnehmerInnen wurden in Kleingruppen aufgeteilt und jede Gruppe erhielt einen „belasteten Begriff“ wie beispielsweise Gott, Seele, Glauben, Wahrheit, Heilig oder Ehrfurcht. Ausgehend von jeweils einem beigefügten Fragenkatalog diskutierten die TeilnehmerInnen, was die Begriffe für sie bedeuten und welche Relevanz diese in einer freien Religion besitzen. In der abschließenden Gesprächsrunde wurden die jeweiligen Ergebnisse vorgestellt. Es zeigte sich, dass es ganz unterschiedliche Ansichten zu den Begriffen gab. Dies war zu erwarten, denn die freie Religion besitzt nun mal keinen Katechismus oder festgemauerte Glaubenssätze, die solche Begriffe abschließend definieren würden. Überdies haben sich im Laufe der Zeit die inhaltlichen Schwerpunkte der einzelnen Gemeinden aufgrund ihrer Selbstbestimmtheit in Fragen der Religion und Weltanschauung unterschiedlich entwickelt. Ziel des Arbeitskreises war entsprechend nicht, zu einer Vereinheitlichung zu kommen, sondern vielmehr ein Bewusstsein und ein Verständnis für die eigenen Ansichten wie auch die anderer Menschen zu gewinnen. Letztlich zeigte sich, Begriffe wie Gott, Seele, Glauben oder Ehrfurcht gehen doch einigen Mitgliedern der freireligiösen und unitarischen Gemeinschaften oftmals nur schwer über die Lippen. Zu sehr werden diese mit dem dogmatischen und dicht am Aberglauben befindlichen Gehalt vieler anderer Religionen verbunden. Dass wir in der freien Religion mit diesen Begriffen ganz anders umgehen, hat Dennis Grieser - bezogen auf den Religions- und Gottesbegriff - bei seiner Ansprache zu der Sonntagsfeierstunde (vgl. Unitarisches Mitteilungsblatt 3_2015) beispielhaft thematisiert. Es war ein spannender Arbeitskreis, dessen Thema vermutlich alle freireligiösen und unitarischen Gemeinden immer wieder beschäftigen wird.

Der Arbeitskreis „Freireligiöse und unitarische Identität / Fahrstuhlgespräche“ passte gut zu den „Belasteten Begriffen“. Denn von der Verwendung und der Bedeutung solcher Begriffe für den Einzelnen hängt unter anderem auch ab, wie man sich selbst in seiner Weltanschauung oder Religion verortet. Durch eine Diskussion in Kleingruppen und anhand einiger Fragen sollten die je eigenen Vorstellungen hinterfragt und die individuellen Ansichten zu Religion und Weltanschauung freigelegt werden. Die Fragen, mit denen sich die TeilnehmerInnen konfrontiert sahen, waren unter anderem:

 

·         „Worin unterscheidet sich freie Religion von anderen Religionen oder Weltanschauungsgemeinschaften?“

·     „Denken Sie, jeder Mensch ist religiös/spirituell?“

·     „Haben Sie einen Gottesbegriff? Falls ja, wie wäre dieser zu beschreiben? Falls nein, warum nicht? Gibt es Religion ohne einen Gottesbegriff?“

·     „Würden Sie sagen, Sie sind ein Atheist, Pantheist, Panentheist, Agnostiker, Christ, Freireligiöser, Freigeist etc.?“

·     „In freireligiösen/unitarischen Gemeinden herrscht die Geistes-, Glaubens,- und Gewissensfreiheit. Bedeutet dies, jeder kann an alles glauben, was er möchte?“

·     „Hat Ihre freireligiöse/unitarische Identität Auswirkungen auf Ihren Alltag?“

·    „Welche Einstellung haben Sie zu anderen Religionen? Liegen die anderen falsch und wir richtig?“

·      „Freireligiöse/Unitarier haben keine heilige Schrift, keine Glaubensdogmen, keine geistlichen Autoritäten etc. Woran orientieren Sie sich dann zum Beispiel in ethischen Fragen?“

 

Mittels dieser „geistigen Verortung“ wurde in der Abschlussrunde darüber gesprochen, wie man die eigene Religion jemandem erklären kann, der noch nie etwas von freier Religion gehört hat. Dies ist ein Punkt, der viele Mitglieder sehr zu beschäftigen scheint. Letztlich bleibt festzuhalten, dass beide angeführten Arbeitskreise ein sehr großes Feld berühren, und zumindest in unserer Gemeinde werden diese Themenbereiche gewiss weiterverfolgt werden.

Der Arbeitskreis „Ethik im Alltag“ führte weg von den abstrakten Gedankengängen hin zu praktischen Fragen im menschlichen Miteinander. Da wir alle immer wieder mit der Frage nach dem „richtigen Verhalten konfrontiert sind, waren konkrete Beispiele aus dem Alltag der TeilnehmerInnen Ausgangspunkt für die ethisch-moralischen Dimensionen, die damit einhergehen. Es wurde diskutiert, was die wichtigsten Wertvorstellungen und Handlungsmöglichkeiten in den jeweils gegebenen Situationen sind und wie die Menschen mit einander widersprechenden Wertvorstellungen konstruktiv umgehen können. Da die Werte und Ideale der freien Religion im besten Falle auch in die Praxis des alltäglichen Lebens ausstrahlen sollten, war dieser Arbeitskreis eine gute Möglichkeit, das eigene Verhalten im Miteinander zu reflektieren.

Bei dem Arbeitskreis „Small Group Ministry“ (Kleingruppenseelsorge) trafen sich kleinere Gruppen (etwa 3-10 Personen) für etwa eine Stunde, um sich in geschützter Atmosphäre vertraulich über die Bedeutung von spirituellen Themen im eigenen Leben auszutauschen. Als Thema wurde „Dankbarkeit“ ausgewählt: Dankbarkeit spielt eigentlich in allen großen Weltreligionen eine wichtige Rolle, sie ist aber auch völlig losgelöst von traditionellen Religionsvorstellungen für viele Menschen bedeutsam. In der Gruppe ging es darum, wodurch wir uns im eigenen Leben (vielleicht auch ganz unverdient) beschenkt fühlen, was uns davon abhält, dieses wichtige Gefühl öfter bzw. intensiver zuzulassen, und wie wir es schaffen können, der Dankbarkeit in unserem Leben mehr Raum zu geben. Dabei sollten keine abstrakten oder philosophischen Erörterungen stattfinden, sondern die TeilnehmerInnen sollten ganz persönlich von sich selbst sprechen. Bei der Small Group Ministry steht eben gerade das Sich-Anvertrauen und Miteinander-Teilen von wichtigen Themen im Vordergrund. Für viele TeilnehmerInnen war dies eine ganz neue, aber offenbar auch eine recht positive Erfahrung. Vielleicht entstehen ja in der nächsten Zeit in der einen oder anderen Gemeinde neue Gesprächskreise dieser Art?!

Für die Metta-Mediation, die auf großes Interesse stieß, hatten wir im Vorfeld unseren Jugendraum hergerichtet. Es war für entsprechende Beleuchtung gesorgt worden, Mitglieder der Gemeinde hatten dankenswerterweise Meditationskissen zur Verfügung gestellt  und mit einem neu ausgelegten Teppich war eine Atmosphäre entstanden, in der es sich gut meditieren ließ. Die Metta-Meditation entstammt der ältesten Tradition innerhalb des Buddhismus, und hat zum Ziel, eine liebevollere und versöhnlichere Haltung sich selbst und anderen gegenüber zu entwickeln. Sie kann unabhängig von konkreten Glaubenssystemen praktiziert werden und erfreut sich weltweit innerhalb wie außerhalb der buddhistischen Religion großer Beliebtheit. Die TeilnehmerInnen, mit denen ich hinterher gesprochen habe, zeigten sich von der Meditation sehr angetan und berichteten von einer interessanten und sehr intensiven Erfahrung.

Nach diesem langen Tag freute sich jeder sich auf das Abendessen, das erneut im Gemeindesaal stattfand. Im Vorfeld des Treffens hatte sich der Organisationsausschuss nämlich überlegt, dieses Mal nicht in verschiedenen Restaurants zu essen, sondern auch die Abende gemeinsam zu verbringen. So wurde ein leckeres Buffet aufgetischt und nach den Ereignissen und Erlebnissen des Tages gab es natürlich eine Menge Gesprächsstoff. Es wurde ein sehr schöner Abend und es freute mich sehr, dass anscheinend auch unser Angebot angenommen wurde, sich in der Gemeinde wie zu Hause zu fühlen. So formierte sich später am Abend beispielsweise ein Musik- und Gesangskreis, der in einem Raum im Keller musizierte, während es sich andere auf einer extra bereitgestellten Sitzecke gemütlich machten.

Für mich persönlich, der das ganze Wochenende vor allem mit organisatorischen Dingen und der Durchführung von Arbeitskreisen befasst war, war die Feierstunde am Sonntagmorgen der krönende Abschluss eines wunderbaren Wochenendes. Ich empfand diese als so beeindruckend, weil sie gewissermaßen die Quintessenz des Treffens darstellte: Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Gemeinden gestalteten gemeinsam diese Feierstunde, die sowohl den Geist als auch das Herz ansprach. Waren die vergangenen beiden Tage eher dem Kennenlernen und der Diskussion gewidmet, so war schlussendlich etwas entstanden, was ich im besten Sinne als Gemeinschaft bezeichnen möchte.

Wie auch schon am Freitag gab es ein Ritual des Kerzenentzündens. Dieses Mal konnte jedoch jeder, der mochte, zusätzlich sagen, wofür seine persönliche Kerze symbolisch leuchten sollte. Es ging dabei nicht um gebetsähnliche Äußerungen, sondern vielmehr um persönliche oder allgemeine Gedanken, Gefühle und Wünsche, die so symbolisch manifestiert werden konnten. So schön solche kleinen Rituale auch sind, können sie gleichwohl manchmal auch eine etwas unangenehme Seite haben. Beispielsweise dann, wenn sich Menschen gedrängt fühlen, mitmachen zu müssen, obwohl sie dieses nicht möchten. Dies war hier ganz und gar nicht der Fall. So gab es einige, die keine Kerze entzündeten, und andere, die beim Entzünden der Kerze schlicht schwiegen. Diese „Abweichungen“ vom eigentlichen Ritual empfand ich als ebenso bemerkenswert wie das Ritual selbst. Ganz im Sinne der Freiheit innerhalb der gemeinschaftlichen Bindung zeigte sich nämlich nicht zuletzt hier, dass ein sozialer Druck, der schnell in solchen Situationen entstehen kann, in den Gemeinschaften der freien Religion zum Glück keinen Platz hat.

Als musikalische Rahmung wurden gemeinsam die Lieder gesungen, die am Vortag geprobt worden waren, und man kann sagen, die Mühen hatten sich gelohnt. Des Weiteren hatten zwei Teilnehmer ein Stück für Flöte und Gitarre einstudiert und gaben dieses nun zum Besten. Dieses wird im Übrigen auch auf unserem Sommerfest am 11. Juli erklingen.

Es folgten Wortbeiträge mit Gedanken Albert Schweitzers über die „Ehrfurcht vor dem Leben“ sowie die Lesung der Licht-Metapher Forrest Churchs, die ebenso wie die Ansprache Dennis Griesers im Unitarischen Mitteilungsblatt 2_2015 abgedruckt sind.

Die Atmosphäre und Stimmung, die an diesem Morgen in der Gemeinde herrschten, sind nur schwer in Worte zu fassen und zum Schluss, ich gebe es gerne zu, war ich zu Tränen gerührt, obwohl ich eigentlich gar nicht zu solchen Gefühlsausbrüchen neige. Diese Empfindung gründete wohl in dem Gefühl, dass alles zusammenpasste, dass das vermeintlich Trennende über das gesamte Wochenende hinweg nun zusammengefunden hatte. Dies mag eine persönliche Sicht sein, doch hoffe ich sehr, dass auch die TeilnehmerInnen des diesjährigen Treffens ähnlich empfunden haben. Das zumindest lässt sich aus den Rückmeldungen herauslesen, die wir nach dem Wochenende zugesandt bekamen. So schrieben beispielsweise zwei Teilnehmer:

 

„Ich war vom Verlauf des überregionalen Treffens freireligiöser und unitarischer Gemeinden sehr beeindruckt. Es hat in mir sehr viel ausgelöst, mich seither geistig sehr beschäftigt. Es war eine wunderbare, eine durchweg gelungene Veranstaltung. Der etwas abgedroschene und vom Original leicht abgewandelte Spruch „Hier kam zusammen, was eigentlich  zusammen gehört“ drückt ganz gut aus, was ich in der Gemeinschaft empfand: eine geistige Verwandtschaft...

Emotional am meisten berührt hat mich die Feierstunde am Sonntagmorgen. Es war eine würdige Feier, die niemanden kalt lassen konnte…“

 „Ich wollte mich nur für das schöne Wochenende bedanken; das Treffen ist euch sehr gut gelungen! Ich habe viele neue ‚Gleichgesinnte‘ kennengelernt und mit ihnen Gedanken ausgetauscht, viele Eindrücke mit nach Hause genommen…Das ganze Wochenende war einfach schön, und ich danke euch für das gelungene Treffen. Ich freue mich schon auf das nächste!“

 

Ja, es wäre schön, wenn wir uns im kommenden Jahr wiedersehen und noch mehr Mitglieder der verschiedenen Gemeinden teilnehmen würden. Es wird derzeit überlegt, ob das nächste Treffen in der Frei-religiösen Gemeinde Offenbach stattfinden kann, doch entschieden ist dies bislang nicht.

Zum Schluss möchte ich mich aus tiefstem Herzen bei allen bedanken, die zum Gelingen dieses Wochenendes beigetragen haben. Dieses Wochenende war wohl die aufwändigste Veranstaltung, die in der Gemeinde seit langem stattgefunden hat, und ohne die vielen Helfer und Mitarbeiter wäre dies nicht möglich gewesen. Vielen Dank!

Alexander Schmahl

 

 
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